Das reine Auflisten der Spieleneuheiten von A bis Z halte ich für ziemlich sinnlos. Wenigstens ein, zwei Sätze sind zur Orientierung schon notwendig. Hier also der kuratierte Überblick über neue Familienspiele dieses Herbstes.
23. OKTOBER 2016
Ohne Nahrungsaufnahme, Trinken, ohen Bewegung von A nach B und Verharren im Menschenstau und ohne Toilettenbesuch wären bei der Gesamtöffnungszeit der Spielemesse in Essen jedem neue Spiel rechnerische 1,54 Minuten Aufmerksamkeit geblieben. 1,54 Minuten, sich über Idee, Ziel, Ablauf, Regeln, Spielmaterial etc. zu informieren. Von Anspielen will ich gar nicht reden.
Ein sinnloses Unterfangen von vornherein. Also kann dieser Überblick nur ein selektiver und subjektiver sein.
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Die Zahl klassischer Familienspiele wird kleiner. Von Auslaufmodell kann aber keine Rede sein.
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Ich will mich heute dabei noch weiter, nämlich auf sogenannte Familienspiele beschränken. Spiele, die auch zusammen mit Kindern funktionieren und vor allem eine reelle Chance haben im Verkaufsregal des durchschnittlichen Spielehandels zu landen. Die Übersicht zu anderen Spielegattungen folgt.
Beginnen wir beim Naheliegendsten, weil ein Jubiläumsjahr vor der Tür steht. 2017 feiern Millionen Protestanten 500 Jahre Reformation. Mit dem gut ausgestatteten Luther – Das Spiel lässt Kosmos die Spieler die Wege dieses Herrn bereits vorab abschreiten. Dazu sind Käse, Brot und Dünnbier als Proviant notwendig, um von einer zur nächsten Luther-Stätte zu pilgern; Kern sind Ereigniskarten. Stückchenweise wird nach Aktionen das berühmte Luther-Porträt von Lucas Cranach aufgedeckt. Schön! Dieses Bild ziert übrigens auch das kleinere Martin Luther – Das Quiz von Huch. Obwohl ab 14 Jahre und nicht ganz jugendfrei, will ich in diesem Zusammenhang Mea Culpa von Zoch nicht unerwähnt lassen. Es ist nämlich das lustbetonte katholische Gegenstück zu den „evangelischen“ Spielen. Aber, wie gesagt, für die schon Größeren. Es geht um Wollust, Habgier und andere Todsünden.
| 2017 wirft als Lutherjahr bei Kosmos seinen Schatten voraus. | |
| Buuh! Nach Pegasus erschreckt der Yeti auch bei Hasbro die Spieler. | |
| Ausnahmsweise abstrakt: Neuheit Glüx bei Queen. | |
| Untypisch groß für Steffen-Spiele: Sammelspiel Zaubertrank der vier Elemente. | |
| Auch wenn Familienspiel, so von der Machart her typisch Haba: Meduris. | |
| Barracuda ist familientaugliche Zockerei bei Drei Hasen in der Abendsonne. | |
| Schmidt bringt mit einfachen Mitteln einen Hingucker: Die Baumeister des Colosseum. | |
| Fantasterei bei Zoch: Das Dixit nicht unähnliche Dreams. | |
| Nochmal Zoch: Türme bauen nach bewährtem Mechanismus bei Kilt Castle. | |
| Riesig: Schnippspiel Icecool für Groß und Klein bei Amigo. | |
| Das nächste Spiel in der Make 'n' Break-Linie: Bei Architect gibt's keine Klötze, sondern Meterstäbe. | |
Um ihre Sünden wohl kaum geschert haben sich die Piraten, sie sind wie Kirche und Religion ein wiederkehrendes Thema bei Spielen. Jetzt hat sich ihrer sich auch Mattel in seiner Autorenspielserie angenommen. Sail away ist vom Franzosen Marc André (Splendor) eigens für den deutschen Markt entwickelt worden. Es geht bei diesem sehr plakativ gestalteten Spiel um die Erfüllung von Handelsaufträgen. Dabei die passendsten Aktionen zur richtigen Zeit auszuführen ist ganz schön tricky. Beim ewigen Mattel-Konkurrenten Hasbro ist als Autorenspiel zum Herbst Yippie Yippie Yeti erschienen. Nicht zu verwechseln mit der Frühjahrsneuheit Yeti von Pegasus (einem schnellen Würfelspiel), denn bei beiden Schneemensch-Spielen wollen die Spieler ein Foto vom Yeti zu ergattern. Bei Hasbro geht’s allerdings vertikal auf einem 50 Zentimeter hohen Spielfeld zur Sache.
Apropos Pegasus. Für Dr. Eureka liegt bereits der Spielwiese-Test vor, Chariot Race habe ich im Blog Nahenderfahrung thematisiert. So bunt und einfach, wie man sich ein klassisches Familienspiel vorstellt, ist Kingdomino von Bruno Cathala: Landschaftsplättchen aussuchen und damit sein Königreich vergrößern, wobei Gebäude Prestigepunkte bringen. Das Spiel ist vorerst für den Fachhandel reserviert, online danach zu suchen, zwecklos.
Mit der Vertriebspolitik von Queen Games ist es ganz was anderes. Firmenchef Rajiv Gupta setzt seit Jahren stark auf den Onlinehandel. Welche Spiele sich in den stationären Läden finden, und welche nicht, ist schwer nachvollziehbar. Sei’s drum. Queen hat mit Glüx ist ein abstraktes Legespiel neu im Programm. Jeder Spieler versucht, auf vorgegegeben Flächen möglichst viele Felder mit möglichst hohen Zahlenwerten seiner „Lichtplättchen“ zu besetzen. Punkte gibt es am Ende für den Ersten und Zweiten in einer Fläche. Wie man mit seinen Plättchen in die Flächen kommt, dazu gibt es eine Reihe taktischer Zugmöglichkeiten.
Ein paar Unvermutete
Vielleicht nicht in jedem Laden zu finden sein wird Zaubertrank der vier Elemente, weil Steffen-Spiele zu den kleinen (aber feinen) Verlagen zählt. Die Neuheit ist ein für Steffen-Spiele unüblich großes raumgreifendes Spiel. Es gibt keinen Spielplan, sondern 91 Scheiben mit Zutaten für Zaubertränke werden am Tisch ausgelegt und vornezu nach bestimmten Zugregeln abgeräumt. Schaut nicht nur gut aus, sondern hat seine erste Bewährungsprobe bei unseren Testspielern schon bestanden. In Kürze also Genaueres.
Nach mehr als zwanzigjähriger Pause hat Haba im Vorjahr wieder damit begonnen, ausgesprochene Kinderspiele zu veröffentlichen und sie auch so zu benennen. Nicht jeder hat das schon bemerkt und denkt bei Haba immer noch automatisch an Kinderspiel. Wieder sind's drei Neuheiten, wobei Picassimo eher dem Partygenre zuzuordnen ist. Lady Richmond hingegen ist, weil Mogelplättchen fixer Bestandteil sind, ein Versteigerungsspiel mit großem Augenzwinkern. Inhalt: Weil die Lady das Zeitliche gesegnet hat, kommt ihr Nachlass unter den Hammer. Wie schon 2015 mit Abenteuerland nimmt uns Meduris mit ins Genre noch einfach gestrickter Entwicklungsspiele.
Ein Mann, der normalerweise ebenfalls mit Kinderspielen verbunden wird, überrascht bei Drei Hasen mit dem Familienspiel Barracuda. Die Idee dazu, erzählte mir Christoph in Essen, hatte er schon vor bald 20 Jahren. Jetzt wurde sie reif. Es ist ein eine Mischung aus Zockerspiel und Verhandlungsspiel, bei dem die Spieler nie alle Informationen haben, welche Pacht gerade für welche Bar fällig ist. Tolles, dicke Spielgeldscheine! Im selben Verlag hat Matthias Jünemann Länder toppen! veröffentlicht, das die alte Themenkombination Geografie und Ländereigenschaften auf neue Weise variiert. Das Spiel hat was von Trumpfquartett, die Karten werden aber nicht einfach so ausgespielt, sondern verdeckt an eine Leiste gelegt, wo oberhalb die höchsten und unterhalb die niedrigsten Werte gefragt sind. Dann wird verglichen.
Von Türmen, antiken Spielstätten und Sternen
Haken wir gegen Ende noch einige größere Verlage ab. Mit Gold und Liebesbeweisen decken sich die Spieler bei Touria ein, um die Hand der Prinzessin oder des Prinzen anzuhalten. Dieses Brettspiel von Huch schaut aufs Erste aus wie viele andere. Aber: Es spielt im „Land der tanzenden Türme“. Was bedeutet: Die vier Türme drehen sich und je nach Ansicht sind andere Aktionen möglich. Kleiner das Kartenspiel Rival Kings: Hier wird einmal mehr die Parole „Der König ist tot, es leben der König!“ durch Macht- und Ränkespiele mit Stichen ausgegeben.
Am meisten Eindruck unter den relativ einfachen Familienspielen macht vielleicht Die Baumeister des Colosseum von Schmidt. Mit einem einfachen „Trick“: Von Runde zu Runde nimmt das Colosseum Gestalt an, wenn die Spieler die Bauteile schräg in die Baufläche stecken (siehe Bild). Zuvor müssen sie im alten Rom Baustoffe produzieren, dafür Lager errichten und den Konsul bei Laune halten. Die Spielidee ist von Klaus-Jürgen Wrede (Carcassonne). Mehr erwartet hatte sich Schmidt vom vergangenen Jahr erschienenen Evolution. Es war allerdings nicht so einfach, sich mit dem Kartenspiel anzuwärmen. Gegenüber dem Original wird daher das stark vereinfachte Evolution – Der Einstieg nachgereicht. Schauen wir mal, ob jetzt der Funke überspringt. Und unzweifelhaft leichte Kost ist Noch mal!, ein Würfelspiel, um Farbfelder abzuarbeiten. Ein Schelm, wer Ähnlichkeiten mit Qwixx sieht.
Trotz englischem Titel Dreams ist die Gestaltung dieser Neuheit bei Zoch unverkennbar von französischer Anmutung, bis hin zu Ähnlichkeiten mit dem Spiel des Jahres 2010 Dixit, da ja ursprünglich aus Frankreich kam. Wieder spielen Fantasie und künstlerisch gestaltete Bildkarten eine Hauptrolle, hier kommen Sterne dazu, die auf ein großes blaues Firmament gelegt werden und als Hinweise fungieren sollen. Denn ein Spieler ist ein "Sterblicher", der keine Ahnung hat, die anderen sind "Götter", die ihre Bilder am Himmelszelt eigentlich verschleiern wollen. Für Kilt Castle hat Autor Günter Burkhardt seinen Ursprungsmechanismus von Kupferkessel Co. wieder einmal mit einem neuen Thema und anderen Elementen versehen. Die ums Spielfeld wandernden Karten bestimmen, wer wo auf Türme bauen darf. Ziel: Auf einem Turm mit seiner Farbe obenauf zu sein, wenn der „versilbert“ wird.
Zwischen Familien- und Kinderspiel gibt es einen Graubereich. Weil das negativ klingt, nenne ich es lieber Buntbereich. Dort ist Icecool, einer der Amigo-Neuheiten angesiedelt. Ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem aus mehreren Kartonteilen auf einem großen Tisch (oder vielleicht doch lieber gleich am Boden) die spiegelglatten Zimmer die Pinguin-Schule bilden. Durch die Innentüren hindurch heißt es die kleinen Pinguine zu schnippen und Fische zu sammeln. Originell und turbulent.
Neues Altes und Varianten
Amigo führt mich nahtlos noch zu einem Blick auf mehrere Varianten von Klassikern und erfolgreichen Spielen. 6 nimmt! von Wolfgang Kramer erfährt mit X nimmt! eine noch ausgefuchstere Variante. In Kürze folgt dazu mehr im Spielwiese-Test. Kramer hat viele Klassiker geschaffen. Abenteuer Tierwelt ist nur einer davon, aber dieses Spiel wurde seit 1985 besonders oft in Varianten aufgelegt. Die jüngste bei Amigo heißt Expedition. Zu einer unerwarteten Neuauflage von Pecunia non olet ist es bei Noris gekommen. Wie schon in einem vorigen Blog kurz berichtet, sind fünf Erweiterungen dieses Latrinenspiels enthalten.
28 neue Befehle bringt The Game Extreme, die neue „Profi“-Variante des hervorragenden Kooperationsspiels für Familien und Erwachsene The Game. Ebenfalls bei NSV ist Qwixx – Das Duell erschienen: für zwei Spieler geht dieser Ableger des Würfelspiels Qwixx mit Spielsteinen in die dritte Dimension.
Camel up war das Spiel des Jahres 2014. Jetzt gibt es das Wettrennen als Kartenspiel. Camel up – Cards ist sehr sehr nahe am Original, es erübrigt es fast. Oder sagen wir es so: Damit kann man das Spiel praktisch in der Westentasche überall hin mitnehmen.
Der Ravensburger Bestseller Das verrückte Labyrinth ist 30, die Jubiläumsausgabe lässt sich als Gimmick dank fluoreszierendem Material auch im Dunkeln spielen. Mit Make ‚n‘ Break Architect hat das blaue Dreieck eine erfolgreiche Spielelinie erweitert. Klötze stapeln war gestern, jetzt erhalten die Spieler einen Meterstab (Zollstock), und wie schon Kinder wissen, lassen sich damit durch Biegen und Auseinanderklappen Figuren bilden. Genau darum geht’s.
Bei Hans im Glück wurde ein weiterer Carcassonne-Ableger aus der Taufe gehoben. Carcassonne Amazonas hat natürlich bekannte Elemente, es geht darüber hinaus aber auch um den besagten Fluss, der wächst und mit Schiffen befahren wird. Das bringt eine neue Möglichkeit ins Spiel, zu punkten.
Zu guter Letzt: Mattel hat UNO einmal mehr ein Gerät beschert. Die neueste Variante des erfolgreichsten Kartenspiels der Welt heißt UNO Wild Jackpot, dessen Slotmaschine Sonderkarten ausspuckt, auf die die Spieler zuvor ihre eigenen Regeln geschrieben haben.
Fazit
Es gibt Kollegen, die halten das klassische Familienspiel für ein Auslaufmodell. Nun, ganz so ist es nicht, auch wenn ihre Zahl merkbar kleiner wird. Da die Deutschen laut Meldung von dieser Woche statistisch erstmals seit Längerem wieder mehr Kinder kriegen, wächst vielleicht ja auch das Spieleangebot für (junge) Familien wieder an.
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