Von Brettspielern meist unbeachtet, existiert eine Parallelwelt. Die Schnittmenge ist größer, als der erste Blick vermuten lässt.
6. MÄRZ 2017
Vergangene Woche habe ich den Unterschied zwischen französischer und unserer Spielewelt thematisiert. Siehe Vive la difference! Heute komme ich nicht umhin, eine weitere Spielewelt ins Rampenlicht zu rücken, die den meisten nicht geläufig ist. Damit meine ich jene der Spielpädagogen. Das sind ganz andere Leute als wir gemeinhin Spielefans Genannten. Jedenfalls auf den ersten Blick. Die brauchen nicht viel kleinteiliges Material, schon gar nicht seitenlange Spielanleitungen, sondern setzen voll auf Zwiesprache, auf interaktive Bewegung, auf Wohlfühlen, und wenn schon Material, dann regenbogenfarbene Tücher und so Zeugs.
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Das ist natürlich sehr verkürzt und ein Akt der Selbstironie. Ich darf sie mir erlauben, weil ich mich vor Urzeiten einschlägig unterweisen ließ. Ich wollte diese andere Welt kennen lernen. SIe hat mich sehr bereichert.
Der Terminus „pädagogisch“ schreckt viele zuerst einmal ab. Oh Gott, jetzt will uns wer auch noch vorschreiben, wie wir zu spielen haben! So simpel ist die Sache nicht. Es geht, wissenschaftliche unterfüttert, um die Bedeutung des Spiels für die menschliche Entwicklung und Erziehung.
Klingt akademisch, ist zum Teil auch so, findet aber starken Niederschlag in der Schule und Sozialarbeit. Deutschland ist da den meisten Ländern voraus. Zu den Bewegungen der Spielpädagogik zählt beispielsweise die New Games-Welle der 70er Jahre. Sie gehörte zur Sozialisation der 68er-Generation und brachte sie spielerisch mit dem kooperativen Grundgedanken in Berührung. Es war Teil eines der Zeit geschuldeten Gegenentwurfs zum vorherrschenden System.
Klingelt was? Im kommerziellen Bereich stehen Kooperationsspiele derzeit hoch im Kurs. Es ist eine Wiederholung mit anderen Vorzeichen. Nicht das Aufbegehren gegen die Ellenbogendogmen der Altvorderen ist dabei das Thema, sondern das vorübergehende Ausklinken aus der Individualisierung unserer Gesellschaft, die immer stärker werdenden Konkurrenzdruck erzeugt.
Mit Escape- und anderen Kooperationsmechanismen zieht das moderne Brett- und Kartenspiel der Spielpädagogik gewissermaßen nach. Plötzlich wird das Gemeinsame im Spiel von (jungen) Erwachsenen als Wert entdeckt. Spiele ohne einzelnen Sieger, das ist sonst ja "Kinderkram".
Die Schnittmenge zwischen spielpädagogischem Alltag und „unserer“ Welt mit abgepackt zu kaufenden Brett- und Kartenspiels ist bei genauer Betrachtung gar nicht so klein. Mehrere Spieleautoren, wie beispielsweise der kürzlich verstorbene Hajo Bücken, entdeckten im Fundus unzähliger Bücher und Karteikartensammlungen der Spielpädagogik immer wieder Anregungen und Initialzündungen für sogenannte „Schachtelspiele“. Auf den Schachteln steht’s nur deshalb selten drauf, weil alles, was als erhobener Zeigefinger von Pädagogen gedeutet werden könnte, sich nicht zwangsläufig verkaufsfördernd auswirkt. Umgekehrt war die Berührungsangst stets weniger ausgeprägt. Schachtelspiele, um bei diesem Begriff zu bleiben, haben in der Spielpädagogik ihren Platz, denn sie ist keineswegs völlig frei vom Wettbewerbsgedanken und das Negieren von Brett- und Kartenspielen, die kognitive Fähigkeiten oder das Erlernen der Kulturtechniken fördern, wäre nur töricht.
Der Spielmarkt in Remscheid, den ich vergangene Woche besuchte, hat einmal mehr diese Thesen bestätigt. Es ist die größte Veranstaltung ihrer Art und der Szenetreffpunkt schlechthin. Dass das diesjährige Motto – der Wert des Spiels und des Spielens – Parallelen mit einer lange bestehenden Forderung der Spielautoren und -verlage aufweist, nämlich das Gesellschaftsspiel als Kulturgut anzuerkennen, zeigt vor allem eines: Wenn der Digitalisierung auf allen Ebenen das Wort geredet wird, ringt so etwas „Gestriges“ wie das „analoge“ (was für eine Herablassung!) Spiel um seinen Platz in der Gesellschaft und – gerade bei der automatisch wachsenden Zahl der „native digitals“ – um Aufmerksamkeit.
Beide Welten nutzen das Potenzial, das in Spielen steckt. Ihre Wege verlaufen zwar unterschiedlich, es kann aber noch sehr spannend werden, wo sich ihre Stärken in Zukunft weiter verbinden. Der Blick über den Tellerrand lohnt immer.
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