Zum Tod eines Wegbegleiters über rund 30 Jahre.
15. MÄRZ 2017
Ferdinand de Cassan hatte einen brillanten Intellekt und war vielleicht gerade deshalb ein streitbarer Mensch. Wenn in seiner Todesanzeige die Rede davon ist, dass er uns „mit seinen Ideen, seinen Visionen, seiner Kreativität und seinem Wunsch, die Freude des Spielens weiterzutragen, immer einen Schritt voraus“ war, dann ist das keine Floskel. Ferdinand hat diesen Anspruch gelebt wie vermutlich kein anderer in der Szene.
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Es war auch für Wegbegleiter nicht immer einfach, seinem Tempo zu folgen. Seine Vorstellungen zu teilen und umzusetzen. Das österreichische Spielefest im Austria Vienna Center war sein Lebenswerk. 50.000, 60.000, 70.000 Besucher … es wuchs zu einer beispielgebenden Veranstaltung heran. Die Ironie: Dessen Bedeutung und Umfang und die damit verbundenen Herausforderungen der Finanzierung sollten schließlich auch das Ende des Spielefests einläuten.
Eigentlich wollte Ferdinand Nuklearphysiker werden. Doch als Physiker wäre er hinter einem Uni-Schreibtisch versauert, meinte er einmal zu mir. Er wollte dann doch lieber mit Menschen statt Formeln zu tun haben und entschied sich fürs Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und landete später im elterlichen, damals einem der größten Gartenbaubetriebe des Landes. Und Spielen? Sein Vater war mit dem obersten Funktionären des österreichischen Spielwarenhandels gut befreundet. So kamen ausgefallene Dinge ins Haus. Endgültig manifestierte sich die Leidenschaft Mitte der 70er Jahre durch einen London-Trip. Damals musste man nach England, um gute Spiele zu finden.
Übers Spielen lernte Ferdinand auch seine Frau Dagmar kennen. Sie sollten das „power couple“ der Spieleszene werden. Immer im Doppelpack, auf der ganzen Welt unterwegs und einer oder den anderen nur schwer vorstellbar: Er, der Organisator und Kommunikator, sie, die – unglaublich! – alle Spielregeln im Kopf speichert und so die Zusammenhänge einzuordnen weiß, im „Hintergrund“ unter anderem das Spielemuseum aufzog, und ihrem Mann den Rücken frei hielt. Vor 17 Jahren riefen die beiden den österreichischen Spielepreis ins Leben, schon lange zuvor begannen sie neben dem Spielefest unüberschaubar viele andere Veranstaltungen in der Osthälfte Österreichs zu organisieren, förderten Spieleautoren und, und, und. Mehrere Kollegen und ich als Jury der Spielwiese wählten Ferdinand und Dagmar de Cassan deshalb 2001 zu „Spieler des Jahres“.
Die Todesnachricht kam für Freunde und Bekannte nicht gänzlich überraschend. Ferdinand war schon vor einigen Jahren von einer heimtückischen Krankheit befallen worden. Daraus machte er keinen Hehl. Es ging auf und ab. Selbst als sich eine besonders schwere Phase und „sein“ Spielefest zeitlich kreuzten, blieb er mit eisernem Willen und Medikamenten im Austria Center Vienna auf der Brücke. Dass die de Cassans vor eineinhalb Monaten erstmals der Spielwarenmesse in Nürnberg fernblieben, nährte gewisse Befürchtungen.
Es bleibt ein großes Danke zu sagen. Für mich persönlich für den Gedankenaustausch, den leidenschaftlichen Diskurs, gemeinsame Initiativen und Unterstützung, und stellvertretend für unzählige Menschen, dass er sie zum Spielen gebracht hat. Mit ihm hat das Spielen in Österreich sein Gesicht verloren, würdigt heute die französische Online-Site „Tric Trac“ die vielen Verdienste Ferdinands. Wie wahr.
Meine aufrichtige Anteilnahme gilt Dagmar, Philipp und Simone.

… mit gutem Gefühl am Leben teilhaben können.