Zünftig
Das Spiel um die elsäßische Metropole zählt zu den Highlights dieses Jahres für fortgeschrittene Spieler. Über die Zünfte nehmen die Spieler Einfluss ins Stadtgeschehen. Das Spiel war völlig zurecht nominiert zum Kennerspiel des Jahres 2011.
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Im Stadtrat von Strasbourg sind die Zünfte, Adel, Klerus und die Kaufleute vertreten. Die Spieler kämpfen darum, deren Rollen zu übernehmen. Bild: Pegasus |
Straßburg, heute 280.000 Einwohner zählende Metropole des Elsaßs und eine der EU-Hauptstädte, blickt auf eine mehr als bewegte Geschichte zurück. Über lange Zeit etwa stritten die beiden Patriziergeschlechter Müllenheim und Zorn um die Vorherrschaft in der Stadt, wobei regelrechte Straßenschlachten ausgetragen wurden. Das Rathaus erhielt zwei Eingänge – für jede der Parteien einen. Nach einer besonders heftigen Auseinandersetzung wurde Straßburg eine der jüngsten Republiken, und in dieser taten sich vor allem die Zünfte hervor.
Hier nimmt das Brettspiel Strasbourg den Faden auf. Autor Stefan Feld hat es im 15. Jahrhundert angesiedelt. Man liest als Einstieg der Spielanleitung: "Die politischen Geschicke der Stadt werden stark beeinflusst von den Handwerkszünften, die zeitweilig sogar die Mehrheit des Rates stellen."
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Jede Runde läuft in den Schritten A bis I ab. |
Der Weg in den Stadtrat
Damit sind wir bereits mitten im Spielgeschehen. Zweck des Spiels ist es, seine Familienmitglieder (Spielfiguren) in den Zünften unterzubringen. Der anfangs noch ungewohnte Spielplan zeigt an der Spitze den Stadtrat, der aus acht Parteien zusammengesetzt wird: den fünf Handwerkszünften der Weinleute, Fleischer, Bäcker, Schmiede und Schuhmacher, dem Stand der Kaufleute, dem Adel und – natürlich selbstverständlich für die Zeit – der Kirche. Wer hier mit seinen Spielfiguren vertreten ist, hat auch beim Spiel das Sagen.
Ermittelt wird die Vertretung in fünf Runden, und wer nach Ende einer Runde den Vertreter des Adels und/oder der Kirche stellt, genießt besondere Privilegien. Das ist weit mehr als eine Floskel. Diese Spieler nehmen nämlich direkten Einfluss auf die Punkteverteilung, die weitestgehend durch die rechte untere Hälfte des Spielplans bestimmt wird. Dort präsentiert sich quasi die Stadt mit Feldern, die den fünf Zünften zugeordnet sind. Einige Felder sind noch frei. Nach jedem Durchgang kommt ein bestimmtes Bauwerk in ein solches Feld. Wohin, das entscheidet der momentane Adelsvertreter. Damit punkten Spielfiguren, die direkt benachbart sind, am Ende doppelt bis sechsfach!
Der jeweilige Spieler, der am Ende eines Durchgangs gerade die Kirche repräsentiert, darf eine kleine Kapelle in der Stadt aufstellen, wodurch alle Spielfiguren ringsum am Ende einen zusätzlichen Punkt erhalten.
Beginn der Versteigerung
Die Vertreter des Adels und der Kirche werden jeweils am Beginn einer der fünf Runden bestimmt. Ausgeführt werden das Legen des Bauwerks und das Aufstellen der Kapelle allerdings erst am Ende. Mit gutem Grund. Denn Strasbourg ist ein Versteigerungsspiel, und erst am Ende eine Runde mit bis zu sieben Versteigerungen lässt sich am besten beurteilen, wo Adel und Kirche ihre Gunst in der Stadt walten lassen.
Geradezu vorbildlich beeinflussen sich die drei grundlegenden verschiedenen Elemente von Strasbourg gegenseitig: der Stadtrat, die Versteigerungsphase und die Platzierung der Spielfiguren in der Stadt. Was anfangs alles recht unübersichtlich ist, erweist sich nach den ersten Runden als gar nicht so kompliziert, was den Ablauf angeht. Der Spielmechanismus ist klar durchdacht. Kern ist die Versteigerungsphase, vom Verlag Aktionsphase genannt. Jede der fünf Runden läuft identisch in dieser Reihenfolge ab (Bild links oben):
- Adel und Kirche beeinflussen
- eine Zunft beeinflussen
- Kaufleute beeinflussen
- eine Zunft beeinflussen
- Kaufleute beeinflussen
- eine Zunft beeinflussen
- Kaufleute beeinflussen.
In jeder Runde geht es um drei unterschiedliche Zünfte. Das heißt, bei insgesamt fünf Zünften bleiben in jeder Runde zwei Zünfte außen vor. Durch die so genannten Rundentafeln, die links von der Stadt ausgelegt sind, sieht man allerdings immer, in welcher Runde welche Zunft an der Reihe ist (jede insgesamt dreimal). Das ist von strategischer Bedeutung! Geboten wird mit Einflusskarten mit den Werten 1 bis 6. Wenn es um Adel und Kirche geht, haben nur die zwei Spieler mit den höchsten Geboten ewtas davon: der Höchstbietende besetzt (neu) den Adel im Stadtrat, der Spieler mit dem zweitbesten Gebot die Kirche. Alle anderen gehen leer aus.
Zünfte bieten drei Spielern die Chance
Bei den Zünften profitieren drei Spieler von der Auktion. Der Höchstbietende ist "Meister" und hat drei Vorteile:
- er stellt eine seiner Figuren in den Stadtrat
- er erhält eine Ware der jeweiligen Zunft und legt sie hinter seinen Sichtschirm. Später können die Waren verkauft werden, um mit dem Geld in der Stadt eine Spielfigur aufzustellen
- genau das ist der dritte Vorteil für den "Meister": Er hat die größte Auswahl an freien Feldern, denn die sind unterschiedlich teuer. Wer wo am Ende von Strasbourg seine Figuren in der Stadt stehen hat, entscheidet über die endgültigte Punkteverteilung. Das Aufstellen einer Figur in der Stadt ist freiwillig, aber immer empfehlenswert. Deshalb sollte man stets darauf achten, "bei Kasse" zu sein.
Für den Zweiplatzierten (den "Gesellen") einer Auktion fällt der Stadtrat flach, der dritte der Auktion ("Lehrling") kann nur noch entscheiden, ob er lieber eine Ware nimmt oder eine Figur in die Stadt stellt. Nach jeder Zunft-Phase geht es um den Einfluss und die Möglichkeiten der Kaufleute, und hier wird es eng! Ausschließlich der jeweils Meistbietende darf beliebig viele Waren, die er schon gesammelt verkaufen und zu Geld machen. Wer die letzte der drei Kaufleute-Versteigerungen einer Runde gewinnt, stellt außerdem eine seiner Figuren auf das Feld der Kaufleute im Stadtrat.
| Aus den gezogenen Einflusskarten stellen die Spieler ihre Gebote zusammen. |
Die Zwischenwertung
Am Ende einer Runde kommt es zur Zwischenwertung: Für jede Figur, mit der man im Stadtrat vertreten ist, gibt es einen Punkt. Wer die meisten Figuren im Stadtrat hat, erhält außerdem ein Privileg. Das kann ungemein nützlich bei den Versteigerungen sein. Die laufen nämlich nicht wie üblich ab, sondern aus einer raffinierten Mischung aus verdecktem und offenen Agieren. Am Anfang einer Runde gibt es die "Planungsphase". Man plant dafür den Einsatz, den man insgesamt in der aktuellen Runde riskieren will. Ganz zu Beginn des Spiels mischt jeder Spieler seine 24 Einflusskarten und legt sie als Stapel verdeckt neben sich. In einer Planungsphase zieht er die oberste Karte und nimmt sie vorläufig auf die Hand, zieht die nächste und muss jedes Mal abschätzen, ob er noch weitere Einflusskarten (mit unterschiedlichen Werten!) für die Umsetzung seiner gesteckten Ziele in der folgenden Runde will oder nicht. Die so gezogenen Karten teilen die Spieler anschließend als Gebote ab. Gebote bestehen aus einzelnen Einflusskarten oder frei gewählten Kombinationen aus mehreren Einflusskarten. Diese Gebote legen die Spieler verdeckt vor sich ab. Bei jeder einzelnen Versteigerung wird eines gewählt (hier dürfen Einflusskarten nicht mehr kombiniert werden!), wobei der jeweilige Startsspieler als Erster ein Gebot macht.
Jeder Spieler darf jederzeit passen – verdeckte Gebote am Tisch bleiben und erhöhen die Auswahl für die nächste Versteigerung. Eine andere Möglichkeit bietet das Privileg: damit gibt der Spieler ohne zu passen den Ball an seinen Nebenmann weiter, und steigt später wieder in die Auktion ein und kennt alle bisherigen Gebote.
Seine Mitspieler im Auge behalten
In dieser Phase kommt es unter anderem auch darauf an einzuschätzen, was die Mitspieler möglicherweise vorhaben. In wie viele Gebote haben sie ihre Einflusskarten geteilt (es gibt pro Runde sieben Versteigerungsmöglichkeiten)? Muss jemand seine Figur auf dem Stadtrats-Feld der gerade zu vergebenden Zunft womöglich verteidigen? Wer will partout seine Mehrheit im Stadtrat verteidigen? Wer hat schon länger Waren gesammelt und will wahrscheinlich verkaufen, weil er frisches Geld braucht? (der wird sein bestes Gebot vermutlich für eine Kaufleute-Auktion aufsparen).
Das sind natürlich auch Fragen, die man sich selbst stellt. Deshalb muss schon in der Planungsphase abgewogen werden, wie viel an Einflusskapital (=Karten) einem die Runde wert ist. Denn einmal verwendete Einflusskarten sind dahin, und die 24 Einflusskarten müssen für alle fünf Runden reichen! Lediglich wer bei einer Versteigerungsrunde mit seinem Gebot leer ausgeht, kann eine Einflusskarte dieses Gebots unter seinen Nachziehstapel schieben.
Man muss bei Strasbourg also ständig mehrere Dinge im Auge behalten. Und das erlaubt ganz unterschiedliche, faszinierend taktische Möglichkeiten. Sie erschließen sich allerdings erst im Laufe des ersten Spiels oder gar am Ende. Dazu nur zwei Hinweise. Kommen beispielsweise die Schmiede schon in den ersten drei Runden zur Versteigerung, kann derjenige, der in der dritten Runde mit dem höchsten Gebot "Meister" wird, vom Platz der Schmiedezunft im Stadtrat nicht mehr verdrängt werden. Das heißt: auf jeden Fall drei Siegpunkte, womöglich auch dreimal derjenige mit den meisten Figuren im Stadtrat, was wiederum drei Privilegien bedeutet. Oder: Die Waren sind unterschiedlich viel wert, bringen also unterschiedlich viel Geld ein. Dieses Geld ermöglicht das strategische Besetzen von Feldern in der Stadt, die am Ende ganz unterschiedlich viele Punkte bringen können.
Mit einer weiteren Komponente führt der Autor das strategische Element bei Strasbourg auf die Spitze: Vor Spielbeginn sollen sich die Spieler für bis zu fünf Aufgabenkarten entscheiden, die sie dann auch erfüllen müssen. Sie sind ganz unterschiedlich, und die Aufzählung sprengt den Rahmen (die detaillierte Übersicht können Sie unten im Servicekasten herunterladen). Bei den meisten Aufgabenkarten geht es darum, am Spielende eine bestimmte Anzahl an Spielfiguren in einer vorgegebenen Anordung in der Stadt platziert zu haben. Das bringt bis zu zwölf Punkte. Allerdings schlägt sich jede nicht erfüllte Aufgabe mit drei Minuspunkten zu Buche. Nicht nur deshalb sollte man mit dem Festlegen auf Aufgaben behände sein: sie sind nicht immer spielentscheidend, man kann Strasbourg sogar gewinnen, ohne eine Aufgabe erfüllt zu haben. Gerade, wenn Sie Strasbourg zum ersten Mal spielen, konzentrieren Sie ihre Aufmerksamkeit besser auf das übrige "normale" Spielgeschehen.
Unterschiedliches Spielen
Es macht einen großen Unterschied, ob Strasbourg zu dritt oder mit mehr Spielern gespielt wird. Bei drei Spielern profitieren alle von den Versteigerungen der Zünfte: Wie schon erwähnt gibt es vom "Meister" bis zum "Lehrling" etwas zu holen. Das ist keineswegs unspannend, aber richtig zur Sache geht es mit vier und fünf Spielern. Wenn also mindestens ein Spieler leer ausgeht und somit seine Einflusskarten umsonst "geopfert" hat – vorausgesetzt, in der jeweiligen Versteigerung haben auch alle geboten. Das muss nicht sein, denn man kann ja, wie gesagt, jederzeit passen. Es kommt auch vor, dass manche der einzelnen Versteigerungen in einer Runde gar nicht ausgeführt wird, weil niemand Interesse daran hat.
Was wir damit sagen wollen: zu viert und zu fünft muss man sich seine Kräfte wesentlich bewusster einteilen. Strasbourg ist dann wesentlich strategischer.
Fazit
Wie schon diese Rezension zeigt, kommt bei Strasbourg viel an Information auf die Spieler zu, die es zu verarbeiten gilt. Das braucht seine Zeit, all die Rafinessen des Spiels zu erkennen und beim nächsten Mal damit zu operieren. Was eindeutig für Strasbourg spricht: Keiner unserer Testspieler hat es bereut! Es ist nichts für absolute Spielanfänger, doch bereits Gelegenheitsspieler entdecken nach den ersten Runde ihre Freude daran, und für Fortgeschrittene zählt Strasbourg zu den Leckerbissen dieses Jahrganges.
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Nr. 1094: Strasbourg |
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Spielwiese-Code | |
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Themen: Städte, Mittelalter, Zünfte |
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Auszeichnungen
Rund ums Spiel
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Man hört nicht auf zu spielen, weil man alt wird, sondern man wird alt, wenn man aufhört zu spielen.