Meinung

6. JULI 2015

Späte Genugtuung

MILLERS  SPIELWIESE

 

Es brauchte 17 Jahre, bis die Rechnung von Ravensburger aufging. Den späten Erfolg müssen sich die Oberschwaben mit ihrem Vertriebspartner teilen.

 

Roma locuta, causa finita. Rom hat gesprochen, die Sache ist erledigt. Die Jury Spiel des Jahres ist zwar nicht  d i e  Instanz wie der Papst, auf den das geflügelte Wort zurückgeht. Die Entscheidung der Jury hat dennoch großes Gewicht für die Spielbranche, vor allem wirtschaftliches Gewicht. Also: Mit der vor einer Stunde verkündeten Entscheidung ist für die kommenden zwölf Monate jedenfalls das Auskommen der Preisträger-Verlage gesichert.

«Es folgten mehrere Treppenwitze der (Alea-)Geschichte.   

Das war im Fall von Alea, dem Verlag – oder besser: der Marke –, die mit Broom Service das Kennerspiel des Jahres 2015 stellt, nicht immer sicher. Kurz vor der Jahrtausendwende hatte Ravensburger diesen Ableger gegründet, um im Wettbewerb um die begehrte Auszeichnung Spiel des Jahres die besten Karten auszuspielen. Die Jury befand sich, beflügelt vom Erfolg von Die Siedler von Catan und El Grande, auf dem Trip, (damals) komplexere Preisträger zu küren. Gut, Mississippi Queen war in mehrfacher Hinsicht ein Ausrutscher. Das sieht auch die Jury rückblickend so.

Jedenfalls: Ravensburger hatte 1999 die Idee, für anspruchsvollere Spiele ein eigenes Label zu schaffen, weil der gemeine Konsument, so die Annahme, mit dem blauen Dreieck vor allem „harmlose“ Kinder- und Familienspiele verbinde.

Es folgten mehrere Treppenwitze der Geschichte. 1999 wurde das – ziemlich komplexe – Tikal Spiel des Jahres. Verlag: Ravensburger. 2000 wählte die Jury Torres zum Spiel des Jahres. Verlag: Die von Ravensburger, parallel zu Alea, für erwachsene Partygänger gegründete Marke FX. Als der Preisträger an jenem Abend in Berlin verkündet wurde, blickte ich in etwas ratlose Gesichter der Ravensburger-Mannen. Zu diesem Zeitpunkt war nämlich bereits intern das Todesurteil über die Marke FX gesprochen. Das Spiel wurde auf Ravensburger umetikettiert.

Erst im Jahr 2002 und eine ganze Reihe hervorragender Alea-Spiele später, kam mit Puerto Rico erstmals ein Spiel der Marke Alea in die Endauswahl und der Preis in Greifweite. Es gewann Zochs Villa Paletti. Weitere sechs Jahre später erst die zweite Chance. Nominiert wurde der Broom Service-Vorläufer Wie verhext!. Wieder vergeblich, wie 2012 dann mit Las Vegas.

Schon zuvor sah Mutter Ravensburger mit stetig steigendem Verdruss, dass ihre Tochter Alea für die spezielle Zielgruppe im eigenen Vertreternetz (Kinder- und Familienspiele) irgendwie fehlplatziert ist, das mit der Jury nicht so recht klappt, und gab den Vertrieb an Heidelberger ab. Auch die Jury Spiel des Jahres passte sich geänderten Marktgegebenheiten an und rief 2011 die Auszeichnung Kennerspiel des Jahres ins Leben.

Eigentlich die perfekte Adresse für Alea. Was war? Erst fünf Wahldurchgänge später, also in diesem Jahr, schaffte es ein Alea-Spiel überhaupt auf die Nominierungsliste. Okay, dafür aber mit Erfolg.

Eine späte Genugtuung für Stefan Brück. der von Anfang an als „Product Manager“, wie das heute heißt, für Alea verantwortlich zeichnet. Unermüdlich, mit enormen Sachverstand, aber unbedankt, deshalb von manchen in der Branche bereits belächelt oder bedauert. Er zweifelte zum Schluss schon selbst daran, eines Tages einen roten bzw. anthrazitfarbenen Pöppel in Empfang zu nehmen.

Und nun ein letzter Treppenwitz der Alea-Geschichte: Ausgerechnet heute war Stefan Brück nicht dabei in Berlin, sondern lag zuhause am Chiemsee krank im Bett. Ein Schicksal, das er indirekt mit Spieleautor Reiner Knizia teilt. Auch er lief jahrelang der Auszeichnung hinterher, war mehrfach nominiert worden, und als es dann 2008 endlich mit Keltis (Spiel des Jahres) und Wer war’s? (Kinderspiel, des Jahres – Ravensburger!) gleich zweifach soweit war, hing sein Flieger fest.

Gut Ding braucht manchmal eben Weile.

 

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Hallo Arno
 
Du hast da einen tollen Artikel zum Kennerspiel des Jahres geschrieben: Späte Genugtuung. Er ist gespickt mit viel Hintergrundwissen und der einen oder anderen Anekdote. Liest sich sehr interessant und mal aus einer anderen Sicht. Gratuliere!
 
Schade, dass man Kommentare nicht gleich beim Artikel hinterlegen kann. Diskussionen zu deinen angerissenen Themen wären manchmal sicher noch spannend.
 
Herzliche Grüsse aus der Schweiz
Patrick
 
Brettspielblog.ch
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Hallo, Patrick, danke für die Reaktion und das Lob! Zum Kommentieren: Ab sofort steht das Fenster offen. Noch mitten in der Umbauphase für www.spielwiese.at allerdings noch nicht final, sondern Vortasten und "Experiment". Weil's moderiert sein muss (Eigenauftrag), vorläufig noch der (Um-)Weg übers Mail. Wegen Klarnamen, wegen Spam etc.

 

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