Tikal der dritten Dimension
Was passieren kann, wenn zwei Autoren gemeinsam und hartnäckig an einer (fixen) Idee herumtüfteln: Das dritte ausgezeichnete Spiel in Folge. Der Spielwiese-Test aus der Printausgabe 58 (2000).
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Nr. 635: Java | Spielwiese-Code | |
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Was ist's?
Für wen?
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Mit den 3-teiligen Geländeplatten wird die Insel Java bebaut. Entscheidend fürs Punkte machen ist, auf welcher Ebene sich die Figuren befinden bzw. ob sie allein auf einer Ebene stehen. Bilder: Ravensburger, spielweise.at |
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| Geländetafeln mit einem bis drei Wabenfeldern. | |
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| Die Punkte-Übersichtstafeln sind schon von Tikal vertraut. | |
Originaltext aus der Printausgabe 58 von Die Spielwiese
Zählen Sie zu jenen Personen, die innerlich die Wände hoch gehen, wenn sie fünf oder mehr Minuten warten müssen, bis ein Mitspieler seinen Zug gemacht hat? Dann ist Java nichts für Sie. Oder sind Sie ein Mensch, der sich ganz schwer damit tut, sich vorzustellen wie es aussieht, wenn man mehrere unterschiedlich bedruckte Scheiben versetzt übereinander legt? Auch dann ist Java nicht wirklich das richtige Spiel für Sie.
Hat Ihnen Tikal gefallen und suchen Sie eine neue Herausforderung? Dann greifen Sie hier zu! Denn bei Java geht es in die dritte Dimension. Wir haben wiederum Wabenfelder bzw. -plättchen und es geht erneut darum eine Landfläche zu entwickeln sowie um die Herrschaft über Paläste – bei Tikal gab es ja Tempel. Dieses Mal geht es aber nicht nur in die Fläche, sondern vor allem in die Höhe. Und der Vergleich mit Tikal soll an diesem Punkt ein Ende haben.
56 Geländetafeln sind das Hauptmaterial bei Java. Das sind ganz dicke Kartonteile, die aus drei aneinander liegenden Sechsecken bestehen. Zwei davon stehen immer für Reisfelder (grün), das dritte für ein Dorf (gelb). Diese Teile liegen im allgemeinen Vorrat, während kleinere Teile – ein oder zwei Sechsecke mit grün, gelb oder grün/gelb – die Spieler bei sich im Vorrat haben. Mit diesen Geländetafeln wird das Spielfeld verbaut. Unter Einhaltung einfacher Regeln werden die Geländetafeln auch übereinander gelegt, so dass auf Java Hügellandschaften mit den terrassenförmigen Reisfeldern und Dörfern an den Flanken entstehen. Jedes Legen einer Geländetafel kostet einen Aktionspunkt. Pro Runde hat ein Spieler sechs Aktionspunkte zur Verfügung. Das scheint am Beginn recht viel zu sein, gegen Ende des Spiels sind es aber immer zu wenig.
Denn auch die anderen Züge kosten Punkte, etwa das Einbringen von Spielfiguren, der Wechsel einer Figur von Reisfeld auf Dorffeld und umgekehrt, der Bau und das Erweitern von Palästen. Nur das Wandern einer Spielfigur innerhalb des grünen bzw. gelben Bereichs ist kostenlos – dieses Prinzip finden wir in ähnlicher Form auch bei Torres, das in der Entwicklung genau zwischen Tikal und Java liegt.
Natürlich wird man auch für sein Tun belohnt, nämlich mit Ruhmespunkten, die auf der Zählleiste am Spielfeldrand festgehalten werden. Für sie gibt es drei „Einnahmnequellen": Paläste, Wasserfelder und Palastfeste. Wer ein Dorf mit einem Palast beglückt, macht das Dorf zur Stadt und rückt auf der Zählleiste um die Hälfte des Palastwertes vor. Paläste haben gerade Werte von 2 bis 10. Um beispielsweise einen 4-er-Palast bauen zu können, muss das Dorf mindestens vier Wabenfelder umfassen. Die Größe des Dorfes bestimmt auch die Ausbaufähigkeit eines Palastes.
Aber, und jetzt kommts: Bauen oder ausbauen kann nur der Spieler, der in dem Dorf mit seiner oder seinen Figuren den höchsten Rang einnimmt. Das Wort hoch ist wörtlich zu nehmen: Wer nämlich auf der obersten Terrassenebene eines Dorfes steht. Bei Gleichstand
wird geschaut, wer in der Ebene darunter besser platziert ist. Ist bei Vergleich von Ebene zu Ebene trotzdem kein Spieler besser als andere, gilt für alle Bauverbot. Auf diese Weise werden auch bei anderen Gelegenheiten die Ränge der Spieler ermittelt, wenn etwa ein Bewässerungsplättchen gelegt wird und die Positionen allenfalls vorhandener Spielfiguren in der unmittelbaren Nachbarschaft verglichen werden.
Java ist primär ein Legespiel. Doch das Autorenduo Kiesling/Kramer hat auch ein Versteigerungselement eingebaut. Immer, wenn ein Spieler in einer Runde seine Aktionspunkte verbraucht hat, kann er ein Palastfest veranstalten. Ob er allein die Punkte dafür kassiert oder nicht, hängt auch vom Goodwill der Mitspieler
ab. Es gibt Palastkarten, die man zuerst einmal kaufen muss – ein Aktionspunkt das Stück. Diese Palastkarten zeigen ein oder zwei Motive aus der Musikgeschichte der indonesischen Insel. Eine Palastkarte liegt neben dem Kartenstapel aufgedeckt und reihum bieten die Spieler nun mit ihren Karten, die das gleiche oder die gleichen Motive wie auf der ausgelegten Karte haben müssen. Man kann nur mitbieten, wenn man mit einer Figur in der Stadt mit dem Palast vertreten ist, aber auch passen. Immer wenn ein Spieler das vorige Gebot egalisiert, bietet er die gemeinsame Ausrichtung des Festes an. Dann werden die Punkte geteilt. Während des Spiels mit Palastfesten Punkte zu machen ist zwar auch wichtig, entscheidend für den Sieg ist jedoch die Endwertung. Dabei wird Palast für Palast abgerechnet und der Ranghöchste in der Stadt erhält den vollen Wert des Palastes auf seinem Konto gut geschrieben, der Rangzweite die halben Punkte.
Gegen Ende des Spiels lassen sich mit den kleinen Geländetafeln, die man hat, bei guter Überlegung noch viele Punkte schinden. Wer allerdings nicht buchstäblich vorgebaut hat, dem wird auch der forcierte Einsatz der kleinen Tafeln wenig nützen. Die Möglichkeit, insgesamt dreimal anstatt sechs sieben Aktionspunkte zu verbrauchen, sollte man sich auf jeden Fall für die spannungsgeladene Endphase aufsparen.
Das Spiel endet fließend. Wer die letzte dreiteilige Geländetafel legt, führt seine Aktionen noch durch und macht für sich die Endabrechnung, d. h. er schaut, wo er Erster oder Zweiter einer Stadt ist. Dann kommt zum letzten Mal der nächste Spieler dran, macht ebenfalls seine Endabrechnung.
Wer bei Java das sprichwörtliche Haar in der Suppe sucht, wird sich schwer tun. Aber ein Problem ist ohne Zweifel, dass die Mitspieler zur Untätigkeit gezwungen sind, bis sie wiedre an der Reihe sind – was dauernm kann. Da ist die Versteigerung des Palastfestes eine willkommene Auflockerung. Ansonsten aber ist die Leistung von Autoren und Redaktion makellos und Franz Vohwinkel als Grafiker hat einmal mehr seine Spitze unter Beweis gestellt.
Nach Tikal und Torres – beide zu Spiele des Jahres gewählt – darf man eigentlich nur hoffen, dass Kramer und Kiesling ihr angepeiltes Ziel nie erreichen, ein Spiel über eine versunkene Stadt zu machen





