Leidvolles Künstlerleben
Paris zur Jahrhundertwende, als die Stadt an der Seine der Künstlertreffpunkt schlechthin war. Aber es waren zu viele, als dass es allen Bohemians gut gegangen wäre. Davon handelt das gleichnamige Kennerspiel.
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Nr. 1618: Bohemians | Spielwiese-Code | |
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Was ist's?
Für wen?
Was braucht's?
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Die gute Nachricht
optisch eine wahre Freude, obwohl die Symbole klarer im Ausdruck sein könnten
Die schlechte Nachricht
die Spielanleitung ist schwer verbesserungswürdig
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| Blick auf ein Tagesplan-Tableau einer Runde. Zentral sind die vier Gewohnheiten, die Inspirationspunkte bringen, wenn an ihren Rändern Symbole zu denen benachbarter Karten passen. Punkte liefern auch Musen darunter, während die Leidenskarten (obere Reihe) negative Effekte ausüben. Mit den Inspirationspunkten des Tages können die wichtigen Erfolge und weitere Gewohnheiten-Karten und Musen von einem gemeinsamen Markt gekauft werden. Bild: Jasper de Lange |
Rein ins Spiel!
45 bis 60 Minuten dauere eine Partie. Wir haben das – zu viert – jedenfalls in unseren Testspielen nicht geschafft. Auch, weil wir immer wieder in der Spielanleitung nachschauen mussten. Bohemians ist ein Kennerspiel, schon klar, doch einige Versprechungen werden nicht eingelöst, wie etwa jene am Beginn der Anleitung, dass Art und Funktionsweise von Karten auf Seite X „genau beschrieben“ würden. Und unnötige Verwirrung gibt es vor dem ersten Spiel, weil nicht alle zwölf Karten für den Solomodus als solche gekennzeichnet sind.
Leider sind es mehrere Mängel und Ärgernisse bei Bohemians. Sie kosten dem Spiel in unserer Wertung den vierten Punkt. So hantelt sich die Künstlergemeinde eher schlecht als recht durch die ersten Partien, weil auch zahlreiche Anweisungen und Effekte auf den Karten nicht eindeutig sind. Da tauchen Begrifflichkeiten auf, die nicht mit der Spielanleitung konform gehen, wie zum Beispiel „Aufwachphase“.
Hingegen sind die „Namen“ der Karten sehr oft treffend und originell. „Geh tanzen“, „Kultiviere deine Eigenarten“, „Verliere dich in Gespräche über Kunst“ oder „Ertränke deinen Kummer“. Auch wenn Klischees bedient werden, so hilft es dabei, sich in so ein anstrengendes und wirres Künstlerleben im Paris der Jahrhundertwende hineinzufühlen. Schon das Cover rückt dieses Leiden gut ins Bild, oder, wenn es in der Spielanleitung beschreiben ist, wo die sogenannten Leidenskarten abgelegt werden: „Dieser Bereich ist … ziemlich groß – schließlich braucht es viel Platz, um all das Leid eines Künstlers aufzunehmen.“
Genug auf die Folter gespannt: Wie spielt man’s? Jeder Spieler ist ein Künstler und hat ein Tagesplan-Tableau vor sich und ein Starterdeck mit sogenannten Gewohnheiten-Karten. Von ihm zieht jeder so lange nach, bis er fünf Gewohnheiten-Karten auf der Hand hat. Drei oder vier kann er auf den vier Feldern seines Tagesplan-Tableaus ablegen, wobei übereinstimmende Symbole an den Kartenrändern Inspirationen = Punkte ergeben. Inspirationen sind die "Währung" in diesem Spiel. Mit ihnen kauft man auf dem Markt entweder weitere (bessere) Gewohnheiten-Karten oder Musen. Die braucht ja jeder Künstler. Sie erlauben Zusatzeffekte oder zusätzliche Inspirationen, während Leidenskarten genau das Gegenteil bewirken.
Wie bei jedem Deckbauspiel, das ein Kern von Bohemians ist, will man mit fortgeschrittener Dauer bestimmte Karten loswerden und nicht mehr in seinem Deck haben. Dazu sowie für drei andere Aktionen dient das gemeinsame Atelier. Die Aktionen kosten dort unterschiedlich viel, wobei hier eine andere imaginäre Währung das Guthaben nährt: Inspirationen-Punkte, auf die man verzichtet, werden in das Atelier „eingezahlt“. Thematisch schlüssige Idee.
Wozu aber das Ganze und wie lange dauert's bis zum Schluss? Da widersprechen sich Schachtelrückseite und Spielanleitung, wir halten uns aber an die Anleitung: Sobald ein Spieler (je nach Anzahl) vier oder fünf Erfolge eingefahren hat, wird die Runde noch zu Ende gespielt und der Erfolg-reichste gewinnt Bohemians. Erfolge werden ebenfalls mit Inspirationen bezahlt, wobei sie von Mal zu Mal teurer erkauft werden müssen. Aber so ist das Künstlerleben!
Zum Abschluss ein positiver Aspekt, der keinesfalls untergehen darf: Tomasz Jedruszek, Roman Kucharski und Hanna Kuik haben unter dem Grafikdesign von Mateusz Kopacz wirklich großartig illustriert!
Dennoch bleibt als Gesamteindruck: So schön es optisch gemacht ist, tatsächlich Neues liefert Bohemians auch Kennerspielern nicht.
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Nochmals spielen? Jein. |
Rund ums Spiel
Das Rezensionsexemplar wurde von Pegasus zur Verfügung gestellt |




