Es gab eine Zeit, als man sich auf den internationalen Spieltagen in Essen noch gemütlich unterhalten konnte. Als man in angemessener Zeit noch von einer zur anderen Halle gelangte. Eine Zeit, in der Leute ohne Kinderstube noch als unangenehm geächtet wurden. Wenn solche Leute mit ihrem rüpelhaften Benehmen mit ihrem Ansinnen heute zwei Gesprächspartnern einfach ins Wort fallen, wird das an vielen Messeständen einfach zur Kenntnis genommen. Ein Situationsbericht vom ganz normalen Wahnsinn an der Ruhr.
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| Der Veranstalter freut sich, für die Besucher wird's zeitweise ungemütlich: Die Massen schieben sich Samstagnachmittag durch die Gänge. |
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| Was zählt ist der Preis. Spiele werden stapelweise zum Sonderpreis verkauft. Viele Verlage überlassen das Geschäft längst nicht mehr den in Essen vertretenen Händlern, sondern verkaufen – wie in diesem Beispiel Queen Games – selbst. |
Die Spieltage auf der Essener Gruga sind einzigartig. Ein eigener Mikrokosmos in der Spielewelt, auf den sich beide Seiten – Aussteller und Besucher – im Laufe der Jahre eingestellt haben. Spiele zum Schnäppchenpreis erstehen, lautet die Devise der Besucher. Nur zwei von unzähligen Beispielen: Die 30-Euro-Neuheit Im Namen der Rose von Ravensburger wird um 22 Euro verscherbelt, das Spiel des Jahres Keltis um 18. Und weil das an den ersten beiden Tagen alle Händler gemacht haben, preschen einige heute Samstag mit 21,90 bzw. 17,90 Euro vor.
Und wegen der lächerlichen zehn Cent nimmt die Masse in Kauf, für den Gang in eine andere Halle mindestens gleich lange irgendwo festgeklemmt zu stehen als tatsächlich voranzukommen.
Rausverkauf um jeden Preis
Der ungekrönte König unter den Händlern auf den Spieltagen ist Heidelberger. Harald Bilz und sein Team haben gleich mehrere Stände über die Messe verteilt, die meisten werden gar nicht mit der Firma in Verbindung gebracht. Da sind einfach Dutzende Exemplare mehrerer Spiele gestapelt, und ab zwei, drei Euro ist man dabei. Spiele, die im vergangenen Jahr noch Neuheiten waren und ab 20 Euro aufwärts kosteten, sind zur Ramschware verkommen. War wohl doch nicht der so große Erfolg
Auch an anderen Ständen gibt es mehr für weniger Geld. Kaufen Sie Spiele für 20 Euro, und sie können aus zwei weiteren Spielen auwählen. Wir schenken es ihnen!
Wer da nicht zugreift, ist selber schuld. Schnell hat man so das Eintrittsgeld von 11,50 Euro wieder herinnen.
Aufgeheizte Stimmung
Dass in diesem aufgeheizten Wühltisch-Umfeld der eine oder andere seine Nerven wegschmeißt, andere rücksichtslos zur Seite drängt, sich ohne zu zögern, ohne zu fragen und ohne jegllichen Anstand in seriöse Kaufberatungen drängt, böte Soziologen wohl ein spannendes Betätigungsfeld. Die armen Schweine sind die vom Standpersonal.
Man hat ihnen hoffentlich vorher gesagt, worauf sie sich einlassen. Die Besucher müssten es mittlerweile wissen, dass der Spaß in Essen seine Grenzen hat. Anders als bei den meisten Spieleveranstaltungen gibt es keine freien Spielflächen. Die großen Verlage haben ihre Tische, zum Teil sogar recht viele Tische, die kleinen Verlage oft nur einen. Wer einmal mit einem interessanten Spiel Platz gefunden hat, gibt ihn so schnell nicht wieder her. Da braucht man eine dicke Haut.
Nichts Neues unter der Sonne
Zu entdecken gibt es freilich viel. Sehr viel. Offiziell sind es über 500 neue Spiele. Klar, die Zahl muss doch um die vielen reduziert werden, weil das selbe Spiel bei mehreren Verlagen als Neuheit geführt wird. Wir leben im Zeitalter der Globalisierung, in der amerikanische, kanadische, englische, holländische etc. Verlage mit deutschen koloperieren und das Spiel gemeinsam auf den Markt bringen. Aber weil mittlerweile auch diese ausländischen Verlage einen eigenen Stand in Essen haben, gibt es diese Doubletten in der Zählung.
Macht aber eigentlich nichts. Die Spiele gleichen sich auch so immer mehr. Innovationen, die diesen Namen auch verdienen, muss man mit der Lupe suchen. Alles scheint sich nur noch um Entwicklung und Eroberung zu drehen, einmal mehr, einmal weniger myastisch angehaucht. Und dazwischen Partyspiele ohne Ende. Und weil das Publikum in Essen männlich ist und nach Abenteuerwelten Ausschau hält, führen Kinderspiele ein Schattendasein (eigentlich müssten nicht nur Haustiere ausgechlossen bleiben, sondern auch Eltern mit Kinderwagen; sich mit Kleinkindern in die verstopften Hallen zu begeben, grenzt an Kindesmisshandlung).
Frelich: Die Spieltage sind eine Freakveranstaltung. Das ist ja das Schöne daran, dass eine ganze Generation mit Siedler & Co. herangewachsen ist, die nach Neuem giert. Von der Quantität her findet sie ausreichend Futter. Seit sich zu immer mehr Kleinst- und Eigenverlagen auch Tschechen, Koreaner und andere "Exoten" gesellen und hier hier ihre Zelte aufschlagen, ist ein seriöser Überblick auf die Schnelle unmöglich geworden.
Wer von der Mundpropaganda, im Vorfeld übers Internet oder über ein geschicktes Marketing gehypt wird, darf sich glücklich schätzen. Einmal mehr hat Hans im Glück in allen drei Kategorien die Nase vorn. Jeder (Insider) spricht von der Neuheit Dominion. Die Freaks, die auf das preisgekrönte Agricola abfahren, stehen bei Lookout Games Schlange, kaufen ohne Umsehen auch Le Havre, das Nachfolgespiel von Uwe Rosenberg. Und natürlich gibt es auch wieder etwas für die Siedler-Fans: Die Siedler von Catan – Deutschland.
Auf den Spieltagen in Essen findet jeder etwas. Sie sind zu einem riesigen Umschlagplatz geworden. Die neuen Spiele sind der Aufhänger für viel Ramsch und viel spielerischem Schrott. Mit dem normalen Spielwarengeschäft hat die Veranstaltung immer weniger zu tun. Aber darum geht es gar nicht mehr. Die Spieltage haben längst ihr Eigenleben entwickelt.
Zum 26. Mal
Die 26. Auflage der Spielemesse idauert noch bis morgen Sonntag um 18 Uhr. Erwartet werden rund 150.000 Besucher. Sie bekommen das größte Angebot an Spielen zu sehen, das es in dieser Form gibt. Mehr als 500 Neuheiten hat der Veranstalter registriert, die von 760 Ausstellern – 62 davon sind der "Untermesse" Comic Action zuzurechnen – präsentiert werden.



