7. OKTOBER 2014
Unglaubliche und andere Geschichten
-------------------------------------------------- ARNO
MILLER --------------------------------------------------
Jedes Spiel (außer rein abstrakten) erzählt eine Geschichte. Es gibt aber auch die Geschichten hinter den Spielen. Warum Spiele so aussehen, wie sie aussehen.
Vergangenes Wochenende wählten meine Jurykollegen und ich in Leipzig die diesjährigen "Graf Ludo"-Preisträger für die beste Familien- und Kinderspielgrafik 2014. Wie nun schon seit fünf Jahren gab es wieder eine sehr lebhafte Diskussion vor der finalen Abstimmung und war die Verleihung tags darauf eine sehr stimmige Festlichkeit.
Im Vorfeld hatte ich das Vergnügen, alle nominierten Grafiker und Illustratoren zu interviewen. Fast alle hatten ungewöhnliche Geschichten zu ihrer Arbeit an den jeweiligen Spielen zu erzählen. Außergewöhnliche Spiele gibt es eben nicht von der Stange.
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Jarek Nocon, junger Shooting-Star unter den Illustratoren aus Polen, brachte beisielsweise bei Fungi die Atmosphäre deshalb so überzeugen zu Papier, weil ihn als Kind die Großmutter regelmäßig in den morgendlichen Wald geführt hatte und mit ihm Pilze brockte. Möglichst authentisch wollte auch Dennis Lohausen sein. Für das Bergbau-Spiel Glück auf studierte er die unterschiedlichen Uniformen, die Bergleute um die vorvergangene Jahrhundertwende trugen. Weil bei 100-prozentiger Originaltreue die Szenerie dann aber zu militaristisch angemutet und Spieler heute 100-prozentig verschreckt hätte, musste es bei Andeutungen bleiben. Graham Howells (Gruselrunde zur Geisterstunde) wiederum führt seine Affinität zu zauberhaften Wesen eindeutig auf seine Heimat zurück. Wales sei voll von magischen Legenden, erzählte er, schon die Flagge ziert ein Drache und Zauberer Merlin lebte um die Ecke seines Wohnortes. Das prägt.
Die verrückteste Entstehungsgeschichte aber hat das Kinder(lied)spiel Jetzt fahrn wir übern See …. Einzelheiten werden in dem Porträt über Johann Rüttinger verraten, eines von sechs Porträts, die dir die Menschen hinter den Spielen näherbringen. Ein weiteres beinahe unglaubliches Detail blieb ausgespart und wird an dieser Stelle zum Drüberstreuen nachgereicht. Die Erstausgabe des Kinderspiels entstand vor rund 30 Jahren, der Autor und Wahl-Venezianer Alex Randolph fädelte damals alles ein, damit in Bayern Rüttinger zu den Illustrationen eines jungen Kunstprofessors aus Venedig mit Spitznamen Gigi kam. Als Rüttinger voriges Jahr Jetzt fahrn wir übern See … neu und erweitert herausbrachte, lieferte "Gigi" die zusätzlichen Illustrationen, weil die neuen Karten nahtlos zu den alten und ihrem speziellen Stil von Mitte der 1980er passen sollten. Obwohl keine Galaxien Bayern und Italien trennen und Rüttinger viele Male bei seinem Freund Randolph in der Lagunenstadt war – er und Guanluigi "Gigi" Pescolderung lernten sich bis heute persönlich nie kennen!
Die Serie über die nominierten Grafiker und Illustratoren entstand im Auftrag der Leipziger Messe, die den "Graf Ludo" stiftet. Hier der Link zu den Porträts. Außerdem ging ich für einen HIntergrundartikel der Frage nach, welcher Teil eines Spiels eigentlich dem Grafiker und welcher Teil dem Illustrator zuzuschreiben ist. Selbst Insider sind bisweilen verwirrt. Wer also was macht, wie Verlage das Zusammenspiel steuern, warum Spielgestaltung in Stress ausarten kann, oder wo der künstlerischen Freiheit Grenzen gesetzt sind – all das kannst du ab sofort unter dem Titel Grafiker und Illustratoren: Dem Spiel dienen nachesen.
Was denkst du über die Preisträger des diesjährigen Graf Ludo?

