4. AUGUST 2014
In echt
-------------------------------------------------- ARNO
MILLER --------------------------------------------------
Kollegin Angelika Hager vom österreichischen Nachrichtenmagazin „Profil“ seziert anhand des modernen Paarungsverhaltens den digitalen Irrsinn. Parallelen zum Spieleuniversum sind offenkundig. Für ein gutes Ende bin ich dennoch zuversichtlich.
Für alle Nicht-Österreicher: „Profil“ ist in etwa, was für Deutschland der „Spiegel“ ist. Nur dünner, dafür meinungsfreudiger.
Nähe war gestern, diagnostiziert Angelika Hager anhand von Dating-Apps wie Tinder in ihrem Gesellschafts-Essay (Link am Ende), wie’s heutzutage zwischen (jungen) Männlein und Weiblein abläuft: „Abbaggern, chatten und auch schon wieder entsorgen.“ Noch nie seien Nähe „und direkte Kommunikation so bedrohliche Größen“ gewesen wie für jene Jugendlichen, die sich gegen Ende ihrer Volksschulzeit ihr erstes Facebook-Profil einrichteten und „ihr Leben seit der Vollalphabetisierung per Wischfinger organisieren“.
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«Ich habe "old school" einfach nur viel lieber … |
Weiter im messerscharfen Text: Das Leben vor dem Bildschirm (gemeint ist nicht der Fernseher!) lasse auch ein wichtiges Segment des Intelligenzspektrums zunehmend verdorren: die soziale Intelligenz, inklusive dem überlebensnotwendigen Empathie-Empfinden.
Spätestens hier kann ich mich als bekennender Anhänger des Spielens problemlos einklinken. Empathie, schriebt Hager richtig, bezeichnet ja nicht nur die Fähigkeit des Mitfühlens, sondern auch die Gabe, sich in jemanden hineinversetzen zu können. Spielen, wenn darunter nicht die Selbstbeschäftigung sondern das gemeinsame Erlebnis verstanden wird, ist ohne Empathie undenkbar. Weiter bei Hager: „… Chat-Junkies haben durch ihre vorrangig menschenleere und gesichtslose soziale Interaktion keine Gelegenheit, dieses Können zu erlernen und zu kultivieren.“
Womit wir nahtlos – nicht nur, aber treffend – bei Onlinespielen angelangt sind. Nein, ich verteufele sie keineswegs. Ich finde manche sogar hervorragend und faszinierend. Ich habe „old school“ einfach nur viel lieber.
Weil am Tisch mit Freunden, mit Familie – neudeutsch „face-to-face“ – anderes und vor allem mehr passiert, was mir wichtig ist. Was den Grad an Zufriedenheit über einen Sieg oder gutes Abschneiden in die Höhe treibt, weil ich es „in echt“ und nicht nur in Echtzeit mit oder gegen reale Menschen geschafft habe.
„Wie voll analog ist das denn, bitte“, fragen sich in Hagers Text „digitale Eingeborene“ in anderem, aber vergleichbaren Zusammenhang. Ja, analog. Selbst die Spielebranche erblödet sich mittlerweile nicht, mit diesem Wort ihre Produkte aufs semantische Abstellgleis zu rangieren.
Angelika Hager lässt, was ihren Blick aufs Paarungs- und Kommunikationsverhalten angeht, offen, ob sich der Trend eines Tages wieder umkehrt. Ich für meinen Teil, also fürs Spielen, bin zuversichtlich. Brett- und Kartenspiele erlebten schon einmal eine Renaissance. Damals waren die (jungen) Menschen des Fernsehens überdrüssig und sehnten sich nach persönlicher Interaktion, nach Aktivität und Nähe. Die Geschichte wird sich wiederholen, wenn der Isolierungseffekt von Smartphone & Co erkannt ist. Bis dahin werden zwar die als Vielspieler völlig falsch bezeichneten Freaks das Wahrnehmungsfeld bestimmen. Das menschliche Grundbedürfnis nach miteinander Spielen liegt jedoch unter einer Mindestanzahl an Markierungsplättchen, Einsetzfiguren und Textseiten im jeweils dreistelligen Bereich. Echt.
Was denkst du darüber?
Link zum "profil"-Text "Ich hab keine App für dich"

… Spaß, geselliges Zusammensein und Köpfchen anstrengen!