30. APRIL 2015
Ein Plädoyer für die Schadenfreude
-------------------------------------------------- ARNO
MILLER --------------------------------------------------
Warum Spiele wie Drecksau oder Nox gut für unser Seelenheil sind.
Es sei unmöglich vorauszusagen, ob ein Popsong zum Nummer-1-Hit wird oder nicht, erklären uns Musikexperten. So ist's auch bei Spielen. Da sieht man auf einer Messe ein neues Spiel und denkt sich, Wow! Das ist gut, das muss ein Renner werden! Und dann liegt es wie Blei im Laden. Umgekehrt verkaufen sich unscheinbare Spielchen wie das sprichwörtliche "geschnitten Brot" und man rätselt, warum das eigentlich so ist.
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«Mit Schadenfreude sind untrennbar die Tröstungen einer ausgleichenden Gerechtigkeit verbunden. |
Drecksau (ab morgen als Spielwiese-Test 1151 abrufbar) von Kosmos gehört in diese zweite Kategorie. Auf den ersten Blick ein Kartenspiel wie Dutzende andere. Spielt man es dann, kommt der Kick, tritt eine gewisse Dynamik in die Spielrunde, die großen Spielspaß bereitet und man es gleich wieder spielen möchte. Revanchistische Gefühle bei den Verlierern, eine Sollen-sie's-doch-versuchen-Haltung beim Sieger.
Weil ich wenige Tage später Nox mit Freunden getestet hatte, traten Parallelen augenfällig zutage. Beide Kartenspiele sind von Schadenfreude getragen. Damit stecken wir tief im Psychologischen. Schadenfreude! Sie gehört zu den archetypischen Spielgedanken. Die Spielpädagogik hat sich mit diesem Phänomen ausgiebig auseinandergesetzt, ohne allerdings zu einem einheitlichen Urteil zu gelangen.
Wichtig und gut, sagen die einen. Unwürdig und abstoßend, die anderen.
Ich bin Anhänger der ersten Gruppe. Schadenfreude ist alles andere als auf Spiele im Sinne von Karten- oder Brettspiele beschränkt. Beispielsweise Streiche spielen, das gehört zum Heranwachsen von Kindern dazu wie das Bilden von Freundschaften. In der Literatur spielt Schadenfreude seit jeher eine Rolle, wir leiden mit den Helden, wenn sie Opfer werden, und freuen uns, wenn sie das Ruder herumreißen. Zwangsläufig erleiden dann die "Bösen" Schaden. Noch offener spekulieren Kino und Fernsehen mit der Schadenfreude. Was wären die beiden ohne Slapstick- und Prügelfilme, ohne Gewinner-Verlierer-Shows. Abartig wird es erst, wenn im angeblichen Reality-TV ohne Restempfinden für Ethik und Geschmack Menschen als Versager und Idioten vorgeführt werden.
Offiziell ist die Freude über das Missgeschick oder Unglück anderer in unserem Wertekanon geächtet. Doch der Volksmund sagt: Schadenfreude ist die reinste Freude. Weil mit dieser Emotion nichts anderes zum Ausdruck gebracht wird, als: Du hältst dich für etwas Besseres? Schau her, es kann jedem passieren!
Also: Schadenfreude ist Teil des Lebens. Und wo, wenn nicht im Spiel, ist es einfacher, der damit verbundenen "ausgleichenden Gerechtigkeit" etwas nachzuhelfen, auf seine Kosten zu kommen, ohne dass ernsthafte Konsequenzen befürchtet werden müssen. Speziell bei Erwachsenen ist es doch so, dass sie im wirklichen Leben in Richtung emotionslose Arbeitsroboter getrimmt werden und jede kleinste Überschreitung bestimmter Verhaltensnormen zumindest mit pikiertem Naserümpfen quittiert wird.
Deshalb sind Schadenfreude-Spiele wie Drecksau, Nox und viele andere wichtige Ventile fürs Seelenheil. Stecken dann auch noch gute Spielideen und -mechismen dahinter, wird der Erfolg erklärbar.
Was denkst du darüber?

