AUSSTELLUNG. Die bis 23. Oktober verlängerte Ausstellung „Die Welt als Würfel – 5000 Jahre Glück im Spiel“ in Leipzig ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Sie basiert darauf, was ein heute erst 31-Jähriger im Laufe der Jahre zusammengetragen hat.
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| (Würfel-)Spiele bildeten fast immer schon die jeweilige Zeit ab. Bei diesem wurde 1991 einer der Auslöser für den bald folgenden Fall der Berliner Mauer thematisiert.
Bilder: spielwiese.at |
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| Die "Fuzzy Dice" als Phänomen der Popkultur: Mit den Würfeln am Innenspiegel wurde signalisert, dass man für ein illegales Straßenrennen bereit sei. | |
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| Heute ein No-go: Rauchen wird mit Glück in Verbindung gebracht, ein Würfel dient als Symbol bei der Reklame. | |
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| Die Ausstellung in Leipzig zeigt auch wahre historische Schätze, wie dieses reich verzierte Backgammon um 1780 des letzten badischen Gesandten in Preußen. | |
Jakob Gloger aus Leipzig, Jahrgang 1991, ist seit seiner Schulzeit fasziniert von Würfeln. Seine erste Sammlung bestand aus wenigen Würfeln, doch sie wächst durch Zukäufe auf Flohmärkten. Mit der Zeit interessiert sich der junge Mann auch zusehends für die Geschichte des Spielwürfels. Seine Neugier wird vor allem durch Würfelautomaten geweckt, deren Mechaniken ihn begeistern. Und da gibt es auch die konkrete Verbindung zu seiner Heimatstadt.
Die Firma Erich Robert Apparatebau (Rovo) war 1939 Weltmarktführer von Würfelautomaten. Erst ein paar Jahre zuvor hatte sich der Feinmechaniker Arthur Röber in Leipzig immer wieder darüber geärgert, dass bei Spieleabenden häufig die Würfel unter den Tisch fallen. Und baute eine kleine Apparatur, die auf Tastendruck stets eine andere Würfelkonstellation brachte. Seine kleinen Maschinen, die einem einzelnen oder bis zu fünf Würfeln Leben einhauchen, nehmen einen prominenten Platz in der Ausstellung ein. Neben anderen Automaten, denn Röber war nicht der einzige Tüftler und Hersteller. In der Ausstellung sind handliche und vergoldete Würfelautomaten, die im 19. Jahrhundert vom späteren König George IV. in Auftrag gegeben wurden, ebenso zu bewundern wie schrille amerikanische Ungetüme.
Die Ausstellung im Stsdtgeschichtlichen Museum Leipzig zeigt fast die ganze Palette, womit im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende das Glück beschworen wurde. Wunderschöne Exponate sind darunter, wie ein Backgammon (genauer: Puff) um 1600, ein inidsches Pachisi aus der Zeit zwischen 1890 und 1920, antike Würfel von vor Christi Geburt, bis hin zu einem digital veränderbaren Würfel von heute.
Jakob Gloger und der ebenfalls junge Kurator Tim Rood als Ausstellungsmacher setzen die namensgebenden Würfel in Bezug zu Themen, die weit über das eigentliche Spiel hinausreichen. Und genau da liegt die Stärke dieser bemerkenswerten Ausstellung, die selbst Spiele-Insidern noch neues und teilweise verblüffendes Wissen beschert. Ein Beispiel. Ein Raum beschäftigt sich mit dem Würfel bzw. Glück in der Popkultur. Man drückt auf einen Buzzer und nach dem Zufallsprinzip (man könnte ja auch würfeln) ertönt einer von einem Dutzend abgespeicherten Popsongs, in denen Würfel besungen werden. An der orangen Wand, zwischen einer Unmenge an Würfel-Krimskrams der Neuzeit, ist auch ein Autorückspiegel befestigt, an dem zwei Plüschwürfel baumeln. Hat jeder schon mal gesehen. Aber was hat es eigentlich damit auf sich, mit diesen „Fuzzy Dice“ aus den 1970ern?
Die im Original gehäkelten Würfel waren im Zweiten Weltkrieg als Glücksbringer der US-Luftwaffe beliebt. Nachdem sich viele ehemalige Soldaten nach dem Krieg mit aufgemotzten Gebrauchtautos dem Hobby Hot Rod verschrieben hatten, wurden die Würfel allmählich zu einem Symbol dafür: Sie signalisierten die Bereitschaft, ein illegales Autorennen zu fahren – dazu wurden die Würfel meist an den Innenspiegel gehängt.
Andere Abschnitte widmen sich der Geschichte des Würfels oder Würfelspielen in bestimmten Zeiten, darunter den Weltkriegen zu Propagandazwecken, zur Zeit der Kolonisation, dem Aufschwung der Glücksspielindustrie oder den Zeiten, als vor allem die Kirche Würfel & Co als Teufelszeug brandmarkte und ihnen – vergeblich – Einhalt gebieten wollte.
Das eine oder andere archetypische Würfelspiel vermisst man, wie auch die „programmierbaren“ Würfel der Lego-Spiele aus den späten Nuller-Jahren. Die Auswahl der in die Ausstellung übernommenen Brettspiele überzeugt nicht vollständig. Doch das ist nur ein wirklich kleiner Wermutstropfen aus Sicht eines Brettspiel-Insiders. In Leipzig geht es um mehr. Es ist eine sehr bunte und mit ausgezeichneten, nicht überbordenden Texten versehene Ausstellung.
Die Ausstellung ist noch bis 23. Oktober 2022 zu sehen. Dazu ist ein äußerst preiswertes und nützliches Begleitbuch erschienen.
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Individuelles Ergebnis auf Tastendruck: Rovo-Würfelautomaten aus Leipzig aus der Zwischenkriegszeit. |
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