
Der Titel lautet: "Eine psychometrische, behaviorale, und neurophysiologische Untersuchung von Expertise, Intelligenz und neuronaler Effizienz im Turnierschach". Alles klar? Vereinfacht gesagt ist das Ergebnis dieser wisschenschaftlichen Arbeit: Intelligenz ist zur Erlangung einer hohen Spielstärke im Schach keine notwendige Voraussetzung.
Der Grazer Psychologe Roland Grabner ist für seine Dissertation mit diesem Titel mit dem Wissenschaftspreis der Karpov-Akademie Hockenheim ausgezeichntet worden. Grabner wies mit seiner Studie nach, dass zur Erlangung einer hohen Spielstärke im Schach Intelligenz keine notwendige Voraussetzung ist und stattdessen intensives Training und zeitliche ausgedehnte Beschäftigung eine große Rolle spielen. Die erreichbare Spielstärke ist dabei umso höher, je früher der Trainingsbeginn liegt, also z.B. der Eintritt in den Verein oder die Teilnahme an Turnieren.
Mit dem mit 1000 Euro dotierten Wissenschaftspreis der Karpow-Schachakademie Hockenheim wurde 2006/2007 erstmals ein Wissenschaftspreis ausgelobt, der sich nicht nur auf ein Wissenschaftsgebiet beschränkt. Entsprechend setzte sich das Auswahlgremium aus Schach spielenden Wissenschaftlern unterschiedlichster Disziplinen zusammen.
Preisträger Roland Grabner hat mit seiner Arbeit an der Karl-Franzens-Universität Graz promoviert und ist zurzeit an der ETH Zürich tätig.
"Braucht überhaupt keine Intelligenz"
Einen Schwerpunkt der Untersuchungen von Grabner bildete die Frage nach dem Zusammenhang von Intelligenz und Spielstärke im Schach. Ein solcher Zusammenhang wurde bislang häufig vermutet und oft sogar für offensichtlich gehalten; deutlich wird dies beispielsweise in den Worten Goethes: "Fürwahr, dies Spiel ist ein Probierstein des Gehirns". Bemerkenswerterweise waren es jedoch häufig Schachspieler, die dies ganz anders sahen. So ist von Weltmeister Capablanca die Einschätzung überliefert, dass Schachspielen überhaupt keine Intelligenz erfordere. In Übereinstimmung damit fanden Djakow, Petrowski und Rudik bei acht Teilnehmern des Moskauer Großmeisterturniers von 1925 tatsächlich keine Hinweise auf eine überdurchschnittliche Intelligenz.
Wie Grabner in seiner Arbeit jedoch darlegt, sind die bisherigen Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Intelligenz und Spielstärke aufgrund methodischer Schwächen nur mit Einschränkungen interpretierbar. Allerdings fiel dieser Zusammenhang nicht sehr stark aus. Bei den besten Schachspielern handelt es sich demnach um Personen mit einer zwar leicht über dem Mittelwert der allgemeinen Bevölkerung liegenden, aber durchaus nicht ungewöhnlichen oder gar überragenden Intelligenz.
Wie ein Instrument lernen
Die Ergebnisse stehen in völliger Übereinstimmung mit einem zentralen Ergebnis der neueren Expertiseforschung, das in analoger Weise auch für viele andere anspruchsvolle Tätigkeiten wie beispielsweise das Erlernen eines Musikinstruments zu gelten scheint. Erfolge fallen demnach nicht vom Himmel; wer in einer schwierigen Domäne Expertenstatus erlangen möchte, muss hierfür in aller Regel zunächst einmal zehn Jahre lang intensiv trainieren. So begannen in der Untersuchung von Roland Grabner Spieler mit einer später erreichten Spielstärke von über 2200 ELO-Punkten durchschnittlich bereits im Alter von 10 Jahre regelmäßig Schach zu spielen, und sie waren im Mittel bereits im Alter von 12 Jahre erstmals einem Schachklub beigetreten.
13 Arbeiten aus den Jahren 2003 bis 2006, in der Regel Magister-, Diplom- und Doktorarbeiten, aber auch wissenschaftliche Veröffentlichungen aus Deutschland und Österreich gingen bei der Karpow-Schachakademie ein. Die Arbeiten stammten aus so unterschiedlichen Gebieten wie Betriebswirtschaftslehre, Kommunikationswissenschaften, Historik, Kunst, Mathematik, Journalistik, Computerwissenschaften, Sportwissenschaften, Wirtschaftsinformatik und Psychologie.
Roland Grabner hat die wesentlichen Erkenntnisse seiner Arbeit in einem Kurzvortrag zusammengetragen, der auf der Homepage unter "Wissenschaftspreis 2007" oder direkt unter https://www.gkl.bsv-schach.de/wip-leittext.pdf als kostenfreier Download hinterlegt ist.
Die Karpow-Schachakademie Hockenheim e.V. versteht sich als Kompetenzzentrum Schach. Ziel der Akademie ist zum einen die wissenschaftliche Forschung im Themenbereich Schach, zum anderen Training und Trainingsausbildung, zum Beispiel für die Jugendolympiamannschaft des Deutschen Schachbundes. Der dritte Bereich sind Veranstaltungen von regionalem, nationalem und internationalem Charakter. |

