Wie alt sind Sie? Oder anders gefragt: Wie alt fühlen Sie sich? Denn zwischen beiden Antworten können Welten bzw. Jahrzehnte liegen. Denn wer will schon als altes Eisen abgestempelt werden! Dieses zugrundeliegende Problem macht auch sichtlich den Spieleverlagen zu schaffen.
Die Bevölkerung in den industrialisierten Staaten wird "älter". Praktisch alle anderen Branchen müssen auf die demopraphischen Veränderungen reagieren. Doch kaum eine ist so auf die tatsächlichen oder künstlich geweckten Bedürfnisse der Kinder ausgerichtet wie die Spielwarenbranche. Nach der einfachen Formel Weniger Kinder = weniger Kunden = weniger Geschäft haben alle, die mit Spielzeug zu tun haben, ein akutes Problem. Auch die Verlage. Also schaut man sich nach neuen Zielgruppen um. Und stößt auf die ominös beschriebenen jung gebliebenen Senioren:
- Aber als Senioren, so die Marktforschung, wollen die Leute partout nicht angeredet werden
- Die Senioren haben Zeit und Geld, so die Marktforschung, um auch zu spikelen und sich die Spiele auch kaufen zu können
- Die Senioren kennen das Spielen noch von früher und stehen dem Spielen prinzipiell positiv gegenüber. Sagt die Marktforschung
- Natürlich haben ältere Menschen mehr und andere gesundheitlichen Zipperlein als junge Menschen. Aber darauf wollen sie nicht gestoßen werden. Sagt die Marktforschung
- Sie wollen bei ihren "Stärken" gepackt werden. Sagt die Marktforschung
Und dann gibt es einen federführenden Verlag wie Ravensburger, der erstmals mit dem Thema Spiel und Senioren - pardon: die Generation 50+ - in die Öffentlichkeit geht und Spiele für sie bringt.
Oder doch nicht?
Am Anfang, vor zwei Jahren, stand ein ambitioniertes Vorhaben. Richtig gute Spiele hätten es werden sollen. Originell im besten Sinn des Wortes. Herausgekommen sind eine Schachtel mit Patiencekarten, eine Packung mit einem einfachen Lege/Würfelspiel und natürlich ein Quiz, in dem es um die Zeit geht, als die Zielgruppe noch jünger war.
Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Denn irgendwann wurde die Marktforschung eingeschaltet. Und die Grafiker (immer ein streitbarer Punkt) hatten ja auch noch mitzureden. Und - womöglich basisdemokratisch - wurde entschieden, dass man am besten ist, man schreibt gar keine Altersempfehlung auf die Schachteln: Schließlich könnte sich die Zielgruppe ja betroffen fühlen!
Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass! Das bleibt unterm Strich übrig. Leider. Das Ergebnis qualitativ und quantitativ sehr dürftig ausgefallen. Dafür, dass die Zielgruppe - so die Marktforschung - schon anders tickt als alle annehmen, sind die Spiele zu herkömmlich ausgefallen. Ravensburger oder den nächsten, die es versuchen, ist auf alle Fälle mehr Mut zu wünschen.
Denn womöglich ist es nicht das Kreuz mit den Senioren, das die Hersteller plagt, sondern das Kreuz mit der Marktforschung.
Arno Miller

