Meinung

Ein Danke und ein Hoch auf die deutsche Gemütlichkeit

Die „Spiel digital“ ist zu Ende und, so finde ich, das Experiment gelungen. Jetzt gilt es, nicht die falschen Schlüsse zu ziehen.

26. OKTOBER 2020

Reihum wird Dominique Metzler und ihrem Team zur ersten digitalen Ersatzmesse für die Corona-bedingt ausgefallene „Spiel“ in Essen gratuliert. Zu recht.

Chats, Twitter, Live-Streams & Co – auf ganz unterschiedlichen Kanälen war ein gemeinschaftliches Gefühl spürbar, das Spielbegeisterte an vier Tagen virtuell verband. Es war eine mutige Entscheidung Metzlers, eine Messe in dieser Form zu organisieren. Zur Erinnerung: Die Verlage waren gar nicht gefragt worden, es hätte auch in die Hose gehen können.

Viele sagten selbst: Wir agieren hier in einer Blase.

 

Der Friedhelm Merz Verlag als Veranstalter hat die Spielebranche genötigt, beim Schritt in die Digitalisierung und moderne Kommunikationsformen noch einen Zahn zuzulegen. Natürlich war nicht alles perfekt, weder auf Messeseite noch bei allen Verlagen, die teilnahmen. Das durfte auch nicht erwartet werden. Es war für alle unbekanntes Terrain, das beschritten und ausgemessen wurde.

Jetzt müssen alle kommerziell Beteiligten erstmal über die Bücher gehen. Auch wenn die Teilnahme die Verlage nur einen Bruchteil davon gekostet hat, was eine „Präsenzmesse“ an Geld verschlingt: Hat sich der Aufwand gelohnt und was lässt sich davon ableiten? Zugriffszahlen sind dabei nur ein Parameter unter vielen. Wir warten dennoch gespannt darauf.

Klar ist schon jetzt: Die „Spiel digital“ schweißte die Hardcore-Community noch mehr zusammen. Es war ein Geniestreich, bekannte Szene-Blogger und -Youtuber zusammenzuspannen und ein kurzweiliges Live-Programm bestreiten zu lassen. Authentisch, streitbar, informativ, anregend, das richtige Maß an Nerdigkeit und selten langweilig. Kompliment! Das Ganze in einem Setting, in dem Spielen und im besten Sinne „deutsche Gemütlichkeit“ gepaart waren.

Freilich, und das Wort nahmen selbst viele der bei der „Spiel digital“ Präsenten in den Mund, agierten hier alle in einer „Blase“.

Die Gefahr ist, aus dem Erfolg die falschen Schlüsse zu ziehen. Das wäre vor allem eine – noch stärkere – Konzentration auf die ohnehin eingeschworene Community. Zwar ist das Angebot an sogenannten Familienspielen unter den Neuheiten dieses Herbstes überraschend wieder größer geworden. Für deren Zielgruppe war die digitale Spielemesse kein optimales Format. Sie muss weiter darauf warten, dass Spielefeste und auch eine „Spiel“ wieder möglich sind – und mit ihr die Hersteller, die auf deren Multiplikatoreneffekte zählen.

Eine digitale Messe ist kein vollwertiger Ersatz für eine echte Messe, bei der man im Gedränge körperlich spürbar buchstäblich Teil einer Bewegung ist. Nicht nur als Nerd, sondern auch als Otto Normalspieler einen schönen Tag verlebt. Spiele angreifen kann. Wo man sich mit Gleichgesinnten trifft, sich beim Ausprobieren ins Auge blickt. Wo man unmittelbar Zeuge wird, wie sich andere bei der Ausübung ihres Hobbys freuen oder ärgern.

Aber: Ohne die „Spiel digital“ wäre gar nichts gewesen.

Deshalb auch von mir ein große Danke!

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Zum Schluss ein letztes Mal Notizen vom „Messerundgang“

Logbuch, 24.10.2020, 17.20 Uhr

Immer wieder einmal einen Blick in den Live-Stream. Gerade werden Partyspiele ausgepackt und angespielt. Witzig und aufschlussreicher als manche Tabletopia-Simulation, weil man durch die Emotionen der Menschen am Tisch Spiele schnell einschätzen kann, ob das auch zu einem selbst passen würde.

Logbuch, 24.10.2020, 18.25 Uhr

Die Verlage haben an ihren virtuellen Messestände unterschiedliche Tools eingesetzt. Bei Heidelbär etwa muss man wie bei einem Videospiel als Avatar eine 3D-Welt betreten. Ich verirre mich darin. Ist nicht meins.

Logbuch, 24.10.2020, 18.52 Uhr

Ich nütze die Zeit, Teile von Live-Streams nachzuholen. Das geht ja einfach. Was einmal mehr auffällt: Es sind durch die Bank tolle, sympathische und extrem gut gelaunte Leute am Werk.

Logbuch, 25.10.2020, 14.22 Uhr

Der offizielle Live-Stream der Messe hat sein Programm umgestellt. Am letzten Nachmittag stehen zwar wieder Neuheiten im Vordergrund, aber eigentlich wurden sie alle schon einmal vorgestellt. Aber, und das befriedigt sicher viele, dieses Mal geht es mehr in die Tiefe, will heißen: Sie werden angespielt.

Logbuch, 25.10.2020, immer wieder

Mich freut, dass in den Beiträgen, Informationen und auf den Schachteln immer mehr und selbstverständlich auf die Zuordnungen Familienspiel, Kennerspiel und Expertenspiel Wert gelegt wird. Wir wissen, die Grenzen können fließend sein. Doch eine erste Orientierung ist treffsicherer geworden, seit die Jury Spiel des Jahres vor zehn Jahren den Preis „Kennerspiel“ in die Welt gesetzt hat und damit den nichtssagenden „Vielspieler“ allmählich auf der Müllhalde entsorgt.

Logbuch, 25.10.2020, 22.32 Uhr

Seit 21 Uhr läuft die „Closing Party“ auf dem offiziellen Messe-Kanal. Der Name erweist sich als etwas zu vollmundig. Aber egal. Im Moment läuft ein Quiz, bei dem die Zuschauer über einen zweiten Kanal abstimmen können, wer die originellere Ergänzung zu einem Satz hat, der sich auf Spiele bezieht. Gut gemeint, aber im Chat regt sich langsam massiver Widerstand. Als letzte Erkenntnis dieser vier Tage nehme ich mit: Bei einer „Spiel digital“ wollen die Besucher mehr zu Spielen erfahren und keine Games.

 


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