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Für Alexander Pfister ist Spielen …

Spaß, geselliges Zusammensein und Köpfchen anstrengen!  

Alexander Pfister, Spieleautor
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"Spiel": Die Zukunft ist nicht hybrid

MESSE. Im zweiten Teil des großen Interviews mit Messe-Macherin Dominique Metzler geht es vor allem um die Lehren aus der „Spiel.digital“ und wie die „Spiel“ in Essen in Zukunft aussehen wird.


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Im ersten Teil (siehe Link unten) lag der Fokus hauptsächlich auf dem Aspekt der Besucher. Das Interview führte spielwiese.at-Herausgeber Arno Miller vergangenen Freitagabend. Inzwischen ist die Messe zu Ende gegangen und zählte, wie berichtet, 93.600 „physische“ Besucher.

Zum Abschluss plaudert Dominique Metzler, Geschäftsführerin des veranstaltenden Friedhelm Merz Verlag, auch aus dem Nähkästchen, wie aufreibend die Akquise, der Kontakt und die Halleneinteilung bis zum Schluss geblieben ist.

Auch hier sei einleitend noch einmal zum Verständnis erwähnt: Metzler und Miller kennen sich seit Jahrzehnten und sind per du.

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Neben dem enormen Besucherandrang an den ersten beiden Tagen hat mich im Zusammenhang mit Corona auch überrascht, dass 65 Prozent der Aussteller aus dem Ausland kommen. Bei den ganzen Reisebeschränkungen etc. erstaunlich.

Wir haben Aussteller aus vielen, vielen Drittsaaten. Vielen Kleinen haben wir sehr geholfen, dass sie überhaupt hier sind. Russland, zum Beispiel, da hast du für jeden Mann vier Seiten ausfüllen müssen – zwei auf deutsch, zwei auf englisch. Mit tausend Fragen! … eine ganze Menge jedenfalls. Und das änderte sich auch laufend. Für einen Aussteller haben wir an die 60 oder 80 Formulare ausgefüllt! Und die durften nur fünf Tage hier sein. Das gleiche mit der Ukraine, die kurz vor der Messe dann noch zum Hochrisikoland hochgestuft wurde. Volle Panik hier, aber auch bei ihnen. Und dann wissen sie oft gar nicht, was gerade gilt. Das Allerbeste ist, du gehst auf die Seite der deutschen Botschaft in dem jeweiligen Land. Aber bis wir das selbst raushatten!

Kommen wir zur Ausstellerstruktur. Der Ausfall von Asmodee, aber auch die Absage von anderen – kommt der Friedhelm Merz Verlag trotzdem auf seine Kosten?

Hör mal, wir sind nie geldgeil gewesen, auch wenn uns das gewisse Leute nicht glauben. Wir haben die Messe Jahrzehnte lang gemacht und mussten irgendwelche Entsorgungsbücher nebenbei und anderen Kram machen. Wir haben die letzten drei Jahre bis 2019 eine Menge Kohle verdient. Aber wir haben dadurch unser Leben nicht verändert. Klar, ich muss hier einen Gewinn machen, damit ich übers Jahr komme und meine Mitarbeiter bezahlen kann. Ich hoffe, dass auch dieses Jahr etwas übrig bleibt.

Das war jetzt nicht böse gemeint. Es ist eine einfache Überlegung: Weniger Aussteller und weniger Besucher ist gleich weniger Einnahmen.

Wir haben ganz viel Glück gehabt. Wenn du genau hinguckst: Kosmos hat die Fläche vergrößert, Hachette hat verdreifacht oder vervierfacht … Viele sind weggebrochen und natürlich war das viel Holz. Aber viele haben auch gesagt, ich nutze diese Chance, ich möchte diese Fläche haben … würden Sie mir diese verkaufen? Ich: (lacht) natürlich!

Wie hoch war der Baldrian-Konsum dieses Jahr?

Das war im letzten Jahr ein Gag. (Anm: Social-Media-Aufschrei „Wo bleibt mein Baldrian?“, nachdem der Server zum Start der „Spiel.digital“ in die Knie ging.) Ich habe in meinem Leben noch nie einen Baldrian geschluckt.

Es war aber schon so, dass oft Verzweiflung geherrscht hat. Auch bei dieser Messevorbereitung. Der Vorlauf für eine so große Messe ist lang. Irgendwann dazwischen hieß es, im Oktober sind alle geimpft, dann wird es gut sein. Stimmung bombig. Auf einmal stellst du fest: Ne, das wird so nicht sein. Und wenn ein Lauterbach zur Hauptsendezeit im Fernsehen sagt, im Oktober werden wir Inzidenzen von 600 bis 800 haben – das habe ja nicht nur ich gehört, das haben alle anderen auch gehört. So ging es die ganze Zeit. Hin und her.

Schauen wir noch einmal gemeinsam ein Jahr zurück. Eine Messe, aber digital und in nur wenigen Monaten als Ersatz aus dem Boden gestampft. Was ist als Reaktion besonders in Erinnerung geblieben?

Das Besondere an dieser „Spiel.digital“ war, dass sie uns geholfen hat, diese „Spiel“ zu machen. Ja, es hat einige Aussteller gegeben, die mit der "Spiel.digital" unzufrieden waren. Aber auch viele, die total zufrieden waren. Natürlich war es eine Notlösung. Klar. Doch da kommt dieses kleine Unternehmen mit drei Mitarbeitern und stellt eine solche digitale Messe in drei Monaten auf die Beine. Und auf einmal hast du gemerkt, wie ganz viele Leute ganz anders über uns nachgedacht haben.

Ich hatte den Ausstellern gesagt, wenn wir die Messe wieder nicht durchführen können, dann werden wir die „Digital“ wieder hochfahren. Jetzt haben wir auf den letzten Metern gemerkt, dass die allermeisten Aussteller entschieden, dass beides (Präsenz- und Digitalauftritt, Anm.) zu viel wäre. Einige stellen ihre Neuheiten so zur Info ein, aber viele haben ihre Plätze erst gar nicht gefüllt.

Das heißt, keine hybride Messe mehr?

Nein, nur wenn die Pandemie zurückkommen würde. Ich will nicht auf lange Sicht zweigleisig fahren. Irgendwann will ich ein anderes Portal, ganzjährig, das sich dann aber rund um die Messe dreht.

Diese Begeisterung, die 2020 da war, lässt nach, sobald du wieder normal spielen kannst. Wenn jetzt nicht die Pandemie noch einen Haken schlägt, werden wir, glaube ich, nächstes Jahr wieder da sein, wo wir 2019 aufgehört haben. Das wird nicht lange dauern, das wird nach oben gehen. Wir werden unsere Fachbesucher besser bedienen …

Für unsere Leserinnen und Leser: Was verstehst du darunter?

… das sind alle, die Händler, die Einkäufer, die Leute, die hier mit Lizenzen handeln, etc., die hier aber keine Stände haben. Der Anteil der Fachbesucher wächst, deshalb werden wir darum noch etwas stricken. Aber da müssen wir zuerst noch mit den Firmen reden, was sie wollen und was sie nicht brauchen.

Zusammengefasst: Wir werden immer zwei Schienen bedienen, das hat sich über die Jahre so entwickelt. Wir werden die Publikumsmesse bleiben, die mehr den Eventcharakter braucht, und wir werden gleichzeitig einen größeren Anteil an Fachmesse haben, der ebefnalls bedient werden muss. Da muss viel entwickelt werden.

Wir werden aber – da habe ich mich schon vor ein paar Jahren bewusst dagegen entscheiden – hier keinen Gemischtwarenladen daraus machen. Es wird Immer nur um Brettspiele oder nahe Verwandtes gehen. Wir bleiben, was wir sind.

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