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Kartenspiel als alemannisches Kulturgut

 KARTENSPIEL. Viele Regionen haben ihr eigenes traditionelles Spiel. Der äußerste Westen Österreichs ist da keine Ausnahme, wo das Jassen geradezu identitätsstiftend ist und auf das wir heute neugierig machen. Anlass ist das soeben erschienene Buch „Jassen in Vorarlberg“. Das gibt es bei uns auch zu gewinnen.

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Sau (Ass), König, Ober und Unter des in Vorarlberg verwendeten Salzburger Bilds.

Bild: wikipedia/plani

 
 

Günter Wohlgenannt bei der Buchpräsentation vergangenes Wochenende.

Bild: spielwiese.at

   

Vorarlberg ist ein kleines Land am Bodensee. Oben Bayern, links die Schweiz (und unten ein noch kleineres namens Liechtenstein), rechts Tirol. 400.000 stolze Einwohner. Viele davon eint die Leidenschaft eines bestimmten traditionellen Kartenspiels. Jassen. Das haben sie mit den eidgenössischen Nachbarn gemein. Obwohl die gegen den Uhrzeigersinn spielen und andere Karten verwenden.

Das „echte“ Vorarlberger Jass-Blatt ist das sogenannte Salzburger Bild von Piatnik. Mit etwas anderem, was freilich möglich wäre, spielt der Vorarlberger nicht. Dieses Kartenbild gehört zu den ganz wenigen noch gebräuchlichen, die zwei wesentliche, durchaus praktische Weiterentwicklungen der Spielkarte verschlafen haben. 1. dass das Bild auch Kopf steht und 2. der Wert (wiederum gespiegelt) in allen vier Ecken zu finden ist.

Man hält also ein „einfachdeutsches“ Blatt, wie dass heißt, in der Hand mit Herz, Eichel, Schelle und Laub. Man kommt mit 36 Karten aus und jede ist anders illustriert. Auch der Elefant wurde mit dem Spiel in Vorarlberg heimisch. Im Volksmund haben die Karten so schöne Namen wie Flaschenfurzer, Träumer, Garbenhure – natürlich in alemannischem Dialekt.

Das erfährt man so nebenbei, wenn man Günter Wohlgenannts*) Buch „Jassen in Vorarlberg“ zur Hand nimmt. Die Betonung des Regionalen im Titel kommt nicht von ungefähr. Jass-Spiele gibt es nämlich auch, wie schon erwähnt, in der Schweiz, außerdem in Südtirol, im Süden Baden-Württembergs und im Elsass. Doch: Im westlichsten Bundesland Österreichs ist das Jassen wahrlich identitätsstiftend und zahlreiche Exil-Vorarlberger (etwa in Wien) können nicht darauf verzichten, in der Diaspora regelmäßig mit Kollegen „a Päckle Jasskarta“ zu zücken und sich dem rituellen Vergnügen hinzugeben.

"Wir spielen das ganz anders!"

Nur, welchem genau? Da wird’s interessant und spannend. Auch Günter Wohlgenannt ging, als er sein Buchprojekt vor mehreren Jahren startete, von der irrigen Annahme aus, so etwas wie Standardregeln zwischen zwei Buchdeckel stecken zu können. Denn so etwas fehlte oder ist, wie ein dünnes Büchlein aus der „Perlen-Reihe“, längst vergriffen. Natürlich waren Wohlgenannt bestimmte Varianten bekannt. Dass aber selbst tradierte Jass-Spiele sich in wichtigen Details von Talschaft zu Talschaft, von Dorf zu Dorf, von Gasthaus zu Gasthaus und sogar von Familie zu Familie unterscheiden können, erstaunte und faszinierte ihn im Zug seiner Recherchen immer mehr. Praktisch überall hörte er: „Wir spielen das ganz anders!“ So sind in dem Buch über 30 Spiele samt Varianten genau beschrieben. Eine bessere (und überfällige) Enzyklopädie zum Jassen kann man sich kaum vorstellen.

Was aber ist nun das Besondere am Jassen und was ist eigentlich ein Jass-Spiel? Die gemeinsame Klammer dieser Stichspiele ist, dass die wertvollsten Karten nicht etwa König oder Ass sind, sondern der „Bur“ (Bauer = der Unter der Trumpffarbe) und das „Nell“ (die Neun in der Trumpffarbe). Der Punktewert kann je nach Spiel variieren. Besondere Eigenheiten sind auch die sogenannten „Stöck“ und der „Wies“. Wer einen König und Ober der Trumpffarbe in der Hand hält, ist im Besitz der „Stöck“: Spielt er die zweite der genannten Karten aus, werden ihm sofort 20 Zusatzpunkte gutgeschrieben. Mit dem „Wies“ (kommt von etwas weisen, ankündigen) verhält es sich komplizierter und hängt von Spiel und Hausregeln ab. Nach dem Kartengeben können Spieler drei oder mehrere aufeinander folgende Karten als Dreiblatt, Vierblatt usw. ansagen, müssen sie aber nicht zeigen, oder auch die gleichen Karten in allen vier Farben. Solche „Wies“ bringen ebenfalls fette Punkte. Wird in Teams gespielt und ein Spieler vergisst, wie sich herausstellt, auf eine solche Ansage, kommt das in den Augen der Kollegen einem Schwerverbrechen nahe.

Lesefreundlicher Aufbau

Ein breiter Teil des knapp 300 Seiten starken – übrigens locker und kurzweilig gestalteten – Buches ist den „Grundregeln des Jassen“ gewidmet. Hilfreich sind Begriffen und Abläufen nach Wichtigkeit Hinweise für Einsteiger, Gelegenheitsspieler und Vielspieler vorangestellt. Auch sehr nützlich: Wie man Kindern (oder Zugereisten) mit einfachen Varianten ins Jassen einführt. Etwas knapp geraten ist der Teil über die Geschichte des Spiels. Wobei auch viele Vorarlberger Jasser bei der Lektüre überrascht sein werden, dass die Ursprünge weit im Norden liegen. Der Name Jass geht auf das alt-niederländische Wort „jas“ für einen Bauern zurück. Holländische Söldner hatten das Jassen, wie durch die Klage des Pfarrers Balthasar Peyer von Silblingen (Kanton Schaffhausen) 1796 erstmals urkundlich belegt ist, in den mitteleuropäischen Raum gebracht und so seine Schäfchen zum Spiel (und auch anderen Ausschweifungen) verleitet. Jassen war gekommen, um in der Großregion Bodensee zu bleiben.

Leidenschaftlichen Kartenspielern sei ans Herz gelegt, mal einen Bodenseejass, Differenzla, Hindersche, Kameradenschwein, Herzla, einen Schieber oder Steigern auszuprobieren. Günter Wohlgenannt erklärt in seinem Buch sehr gut und anschaulich, wie’s geht.

spielwiese.at verlost drei Exemplare des Buches

 Günter Wohlgenannt: Jassen in Vorarlberg, im Eigenverlag 2020, 296 Seiten, gebunden, 29,– Euro, ISBN 978-3-200-07063-9

*) Günter Wohlgenannt, Jahrgang 1958, ist Buchhändler in Dornbirn und von Kindheit an begeisterter Spieler, nicht nur „vom Jass“. Seit Jahrzehnten lädt er Freunde zu seiner Spielrunde ein – immer an Vollmondtagen: Denn so stehen Feuerwehrproben, Liederchor und andere an fixe Wochentage gebundene Termine nicht jedes Mal im Weg und für Durchmischung ist gesorgt.

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